Mehr als 60 Tote bei Gewaltakten in Bagdad

10. Juli 2006, 15:33
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Massaker an falscher Straßensperre in Sunnitenviertel - Autobomben explodierten vor schiitischer Gebetsstätte

Bagdad - Bei religiös motivierten Gewalttaten sind am Sonntag im Irak mehr als 60 Menschen getötet worden. Maskierte ermordeten in einem sunnitischen Stadtviertel von Bagdad mindestens 42 Menschen; wenige Stunden später explodierten nahe einer schiitischen Gebetsstätte zwei Autobomben. Dabei starben mindestens 19 Menschen. Der irakische Präsident Jalal Talabani erklärte, mit den Gewalttaten solle der Irak in einen Bürgerkrieg gestürzt werden. Dies dürfe nicht zugelassen werden. Der radikale Schiitenführer Moktada al-Sadr forderte ein Krisentreffen der politisch Verantwortlichen, "um das Blutvergießen zu beenden".

Falsche Straßensperren

Die Angreifer errichteten nach Angaben der Sicherheitskräfte im westlichen Stadtteil Jihad eine Straßensperre, an der sie Autofahrer zum Aussteigen zwangen, sich die Papiere zeigen ließen und Sunniten dann kaltblütig erschossen. Die Angreifer drangen demnach auch in einige Häuser ein und töteten sunnitische Bewohner. Die Straßensperre wurde nach einer guten Stunde wieder aufgehoben, als irakische Sicherheitskräfte und US-Soldaten in der Nähe aufzogen. Die US-Truppen verhängten daraufhin ein zweitägiges Ausgehverbot. Am Samstag waren durch die Explosion einer Autobombe vor einer schiitischen Moschee im selben Stadtteil sieben Menschen getötet und 17 weitere verletzt worden.

Sunnitische Politiker beschuldigen Sicherheitskräfte

Polizisten und sunnitische Politiker machten Mitglieder der von Schiiten dominierten Sicherheitskräfte und die Mehdi-Miliz des schiitischen Geistlichen al-Sadr für das Massaker verantwortlich. "Diese Angriffe beweisen, dass die Milizen den Irak in einen Bürgerkrieg ziehen wollen", sagte Adnan al-Dulaimi, Spitzenpolitiker einer sunnitischen Partei. Ein hochrangiger schiitischer Politiker bestätigte, dass Kämpfer der Mehdi-Miliz am Sonntag in das Viertel Jihad eingerückt seien. Die Miliz gehe aber ausschließlich gegen sunnitische Extremisten vor, die Schiiten getötet hätten.

Wenige Stunden später explodierten im Abstand von fünf Minuten im Stadtteil Kasra im Norden der irakischen Hauptstadt zwei Autobomben. Dabei wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen mindestens 19 Menschen getötet und mindestens 59 weitere verletzt. Anderen Angaben zufolge kamen dabei sogar 25 Menschen ums Leben. Mindestens 14 Fahrzeuge wurde durch die Explosionen in der Nähe einer schiitischen Gebetsstätte zerstört.

Talabani ruft zu Zurückhaltung auf

Bei weiteren Gewalttaten im Irak starben mindestens zwölf Menschen. Der irakische Präsident Talabani rief alle Seiten zu Zurückhaltung auf. Er appellierte an die Iraker, sich auf ihre Einheit zu besinnen. Der radikale Schiitenführer Sadr sagte, ein Bürgerkrieg müsse verhindert werden. Wegen des Fehlens einer "unabhängigen Regierung" verschlechtere sich die Sicherheitslage dramatisch, erklärte er in der für Schiiten heiligen Stadt Najaf südlich von Bagdad. (APA/AFP/Reuters/dpa)

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