Die Handyfalle

23. Juli 2006, 16:15
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Das Handy-verrückte Europa hat die Internetentwicklung verschlafen - UMTS über Notebooks könnte die Wende bringen

Im Sommer haben heimische und EU-Konsumentenschützer Hochsaison, wenn sie vor Handykostenfallen aller Art warnen: teures Roaming, teure SMS-Dienste, teure Klingeltöne, teure Logos. Alles richtig, aber es gibt einen relativ einfachen Schutz. Mitdenkende User haben es in der Hand, ihre Kosten durch Verzicht zu begrenzen. Und die Kosten der Kids? Dafür gibt es immer schon eine fast geniale Erfindung: Wertkartenhandys mit Limit.

Grenzenlose europäische Liebe zu den Telefoninos

Aber in der teils künstlichen Aufregung, die Konsumenten zu unmündigen Dummerln macht, wird eine wirkliche Falle übersehen: die fast grenzenlose europäische Liebe zu den Telefoninos lässt uns manche spannende Internet-Entwicklung verpassen, die auf Minibildschirmen nicht stattfindet.

Was ist der Unterschied zu den USA, mit denen sich die EU seit Lissabon 2000 so misst wie einst das Sowjetimperium? Die USA haben, im Vergleich zu Asien und Europa, die Handyentwicklung verschlafen; erst die Notrufe von 9/11 haben Menschen die Nützlichkeit von Handys vorgeführt. Dafür ist das Straßenbild von US-Städten geprägt von Menschen mit Notebooks, die im Rucksack oder in der Handtasche fast immer dabei sind. In einem durchschnittlichen Kaffeehaus wird man mehr Menschen an ihren PCs sehen, als mit Handy telefonieren.

Kein Grund zur Panik

Das ist natürlich kein Grund zur Panik, so ist das eben. Und man kann auch gut mit weniger Internet leben, so wie man gut mit weniger Handyfonie leben kann (obwohl ich bei der berühmten Frage nach dem Teil, das man auf die einsame Insel mitnehmen würde, entschieden fürs Notebook mit Internet votieren würde).

Aber diese Entwicklung hat Folgen, und eine davon erleben wir, wenn sich europäische Regierungen krampfhaft bemühen, Alternativen zu US-Angeboten wie Google zu fördern. Skype kommt zwar aus Estland, aber Ebay hat es gekauft, weil sie das Potenzial wirklich zu schätzen (und zu zahlen) wis- sen. Jajah, ein heimi- scher Voice-over-IP-Anbieter, ging denselben Weg nach Kalifornien zu dortigen Investoren.

Web 2.0

Auf der persönlichen Ebene merken wir es beim Aufgreifen neuer Entwicklungen, die mit dem Mascherl "Web 2.0" tituliert werden: In Sachen Blogs zum Beispiel ist der deutschsprachige Raum eine Entwicklungszone; Fotodienste wie Flickr bieten meist nur mit großer Verspätung so nette Features wie Ausarbeitungen übers Netz an, weil es wahrscheinlich dafür noch nicht genug Geschäft gibt, und anderes mehr.

Jetzt kann man schulterzuckend sagen, wir haben auch bisher ganz gut ohne diesen Schnickschnack gelebt. Stimmt. Aber das gilt auch für vieles, wofür wir Handys verwenden.

Die eigentliche europäische Handyfalle

Entwicklungen verlaufen immer phasenweise, und nachdem das Pendel zugunsten der Handys ausgeschwungen ist, geht es jetzt wieder Richtung Notebooks mit ihren größeren Displays und Tasten. Das begreifen langsam auch die Mobilfunker: Die viel gepriesene nächste Generation, UMTS, läuft vor allem mit Datenkarten und am Notebook. Diesen Schritt nur zögerlich zu machen: Das ist die eigentliche europäische Handyfalle. (Helmut Spudich / Printausgabe DerStandard 8.7.2006)

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