Lippi auf Bearzots Spuren

9. Juli 2006, 20:47
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Italien-Coach will es seinem Vorbild gleichtun - Unter dem Taktik-Genie aus Viareggio ist die Squadra seit 24 Spielen ohne Niederlage

Duisburg - Ein Sieg trennt Marcello Lippi noch vom Triumph seines Vorbilds Enzo Bearzot. Gewinnt Italien am Sonntagabend in Berlin das Endspiel der Fußball-WM-Endrunde gegen Frankreich, würde der 58-jährige Toskaner auf derselben Stufe wie der legendäre Weltmeister-Trainer von 1982 stehen und seinen Kultstatus auf Jahrzehnte festigen.

Anders als Raymond Domenech im französischen Team muss sich Lippi in der "Squadra" nicht mit einem Platz in der zweiten medialen Reihe begnügen. Der Brillenträger mit der schneeweißen Haarpracht hatte sich schon vor der erfolgreichen WM in Deutschland einen Namen gemacht. Keine andere Equipe prägte das Bild der Serie A Mitte der 90er Jahre so sehr wie der von Lippi betreute Rekordmeister Juventus Turin.

Dem Taktik-Genie mit seinen unerbittlichen Trainingsmethoden war niemand gewachsen. Lippi entging nichts, er trieb sein Team ohne Rücksicht auf Verluste an. Fabrizio Ravanelli beispielsweise, ein an sich nicht übermäßig talentierter Stürmer, verdoppelte seine Torausbeute unter der Leitung des Perfektionisten aus Viareggio. Diese Strategie der unerbittlichen Kalkulation zahlte sich aus. Während seines ersten Engagements in Turin gewann Lippi nicht nur dreimal die Serie A (1995, 1997, 1998), sondern 1996 auch die Champions League.

Bis zu seinem Rücktritt im Februar 1999 führte Lippi die "Bianconeri" zwei weitere Male (1997 und 1998) ins Endspiel des weltweit wichtigsten Klub-Bewerbs. Einen Rückschlag erlitt der wegen seiner für italienische Verhältnisse fast stoischen Gelassenheit geschätzte "Mister" in Mailand. Sein 14-monatiges "Inter-Mezzo" endete für den Erfolgsverwöhnten mit der Entlassung und war zugleich der Anfang seines Turiner Comebacks mit zwei weiteren Titeln (2002, 2003).

2004 trat Lippi in Turin ein zweites Mal zurück. Der Weg zum Posten des "Comissario Tecnico" war frei. Im Nationalteam fand er als Nachfolger von Giovanni Trapattoni einen Scherbenhaufen vor - oder, wie es Alessandro Del Piero unmittelbar nach dem Vorrunden-Out bei der EM in Portugal formulierte, eine Mannschaft, "in der jeder gegen jeden schießt".

Lippi war daher mit seinem kompromisslosen Stil genau der richtige Mann, um die "Squadra" wieder auf Vordermann zu bringen. Er setzte Akzente ohne Rücksicht auf große Namen. Beim katastrophalen Debüt auf Island (0:2) verzichtete er auf den "Prinzen" Del Piero, stattdessen debütierte Luca Toni.

"Er ist nicht in Form. Deshalb fehlt er im Aufgebot", begründete Lippi seine unpopuläre Maßnahme vor zwei Jahren. Del Piero und mit ihm auch die anderen Kicker-Diven begriffen die Botschaft des Erfolgscoaches. Und sie begannen auch zu akzeptieren, dass der Trainer nie auf die gleiche Start-Equipe setzte. In 29 Spielen unter dem 58-jährigen Strategie-Großmeister und früheren Libero von Sampdoria Genua (1962 bis 1979) stand nie die gleiche Startformation auf dem Feld.

Doch für die italienischen Journalisten macht Lippi mittlerweile alles richtig, denn nicht umsonst ist Italien seit 20 Monaten bzw. 24 Spielen in Serie ungeschlagen. Trotzdem ist unsicher, ob der Welt-Klubtrainer der Jahre 1996 und 1998 seine Arbeit mit dem Team nach der WM fortsetzen wird. In der "Gazzetta dello Sport" war zu lesen, Lippi stünde in Kontakt mit Manchester United.

Vor allem die Kritik gegenüber seiner Person und Sohn Davide im Zuge des Manipulationsskandal in der Serie A missfiel ihm schwer. Ihm seien ohne Grund kriminelle Machenschaften unterstellt worden, klagte Lippi, der deshalb seiner Heimat auch nach einem WM-Titel mit den Azzurri den Rücken kehren könnte. (APA/SIZ)

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