Sex im Summer of Love

24. August 2006, 12:42
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Die Ausstellung "Seek the Extremes..." ergänzt mit den provokanten Statements der beiden US-Künstlerinnen Dorothy Iannone und Lee Lozano die Sommerschau der Kunsthalle

Wien - Mit psychedelischer Kunst der 60er-Jahre feiert die Kunsthalle gerade jene sexuelle Befreiung, die im "Summer of Love"vor allem der nackte Frauenkörper versprach. Die Ausstellung Seek the Extremes...holt nun verdienstvollerweise nicht nur ein lange marginalisiertes Stück Kunstgeschichte, sondern auch in Bezug auf den nackten Männerkörper einiges nach.

Explizite Darstellungen der männlichen Sexualität verbinden die Oeuvres von Dorothy Iannone (geb. 1933) und Lee Lozano (1930-1999), denen über dieses Motiv hinausgehend nur wenig gemeinsam ist: Dorothy Iannone kam über ein Studium der Literatur und ihre Nähe zur abstrakt-expressionistischen Szene zu ihrer künstlerischen Ausdrucksform, während in den tagebuchartigen Handlungsanweisungen, "Language Pieces"und in den kunstbetriebskritischen Statements von Lee Lozano die Einflüsse der New Yorker Konzeptkunst unübersehbar sind. Die großformatigen Bildgeschichten von Iannone changieren zwischen mittelalterlicher Buchkunst und indischen Kamasutra-Darstellungen; das vielfältige, zeichnerische und malerische Werk von Lozano zeichnet gerade auch die formalen Grenzüberschreitungen aus.

Im Wissen um die grundsätzliche Unvergleichbarkeit der beiden künstlerischen Positionen werden sie in der Ausstellung räumlich getrennt präsentiert. Ein Rundgang führt zunächst in das seit 1967 mehrfach zensurierte Universum von Dorothy Iannone ein, die in der Bildgeschichte "An Iclandic Saga"ihre erste Begegnung mit ihrer "großen Liebe"Dieter Roth illustriert. 1967 begegnete sie dem deutschen Künstler in Reykjavík, wo sie sich augenblicklich verliebte.

Für die Aufzeichnung der Liebesgeschichte, die die "Saga"nur vom ersten Blickkontakt bis hin zu ihrem Umzug nach Island erzählt, benötigte Iannone nicht weniger als 48 dicht beschriebene Blätter.

Kurz und prägnant illustriert sie dagegen ihre sexuelle Beziehung: I Have Got Such a Marvelous Cocksteht auf einem ihrer Bilder, deren offenherzige Darstellung der männlichen und weiblichen Geschlechtorgane auch Szeemann und Spoerri irritierte.

Dass sie ihre Arbeiten aufgrund des "pornografischen"Gehalts 1970 aus der Kunsthalle Bern wieder zurückziehen musste, verarbeitete Iannone in The Story of Bern: "Ich wünschte, du (Anm. Daniel Spoerri)würdest aufhören, es Pornographie zu nennen. Ich bezweifle, dass irgendwer davon erregt werden kann. Es ist sehr kühl."

Offensiver als Iannone, die sich vor allem für die Darstellung einer literarisch tradidierten "Hohen Liebe"interessierte, näherte sich Lee Lozano der irdischen Fleischeslust.

Die Ausstellung zeigt ihre frühen Arbeiten, in denen das Thema Sexualität beim Ausdrücken eines Pickels beginnt. Bissige Kommentare begleiten die blasphemischen Karikaturen, comicartigen Zeichnungen und "Schwanzgesichter"der Künstlerin, die sich 1967 mit ihrem Dropout-Piecevon der Kunst verabschiedete.

Dass die kunsthistorische Aufarbeitung beider Künstlerinnen erst vor Kurzem begonnen hat, lässt die Errungenschaften der sexuellen Revolution insgesamt nicht ganz so glorreich aussehen. (Christa Benzer/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

"Seek the Extremes..."
Bis 15.10.
  • Dorothy Iannone: "The Story of Bern (or) Showing Colors", 1970.
    foto: sturm ag muttenz; courtesy die künstlerin
    Dorothy Iannone: "The Story of Bern (or) Showing Colors", 1970.
  • Lee Lozano: "Ohne Titel, 1962"
    foto: barbara gerny, zürich. courtesy the estate of lee lozano and hauser &wirth zürich london
    Lee Lozano: "Ohne Titel, 1962"
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