Schreiben ist wie küssen mit dem Kopf

8. Juli 2006, 17:00
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Um ein Versehen, aus dem eine virtuelle Liebesgeschichte entsteht, geht es in Daniel Glattauers neuem Roman "Gut gegen Nordwind": Der Beginn als Vorabdruck

15. Jänner
Betreff: Abbestellung
Ich möchte bitte mein Abonnement kündigen. Geht das auf diesem Wege? Freundliche Grüße,
E. Rothner.

18 Tage später
Betreff: Abbestellung
Ich will mein Abonnement kündigen. Ist das per E-Mail möglich? Ich bitte um kurze Antwort.
Freundliche Grüße, E. Rothner.

33 Tage später
Betreff: Abbestellung
Sehr geehrte Damen und Herren vom »Like«-Verlag, sollte Ihr beharrliches Ignorieren meiner Versuche, ein Abonnement abzubestellen, den Zweck haben, weitere Hefte Ihres im Niveau leider stetig sinkenden Produkts absetzen zu können, muss ich Ihnen leider mitteilen: Ich zahle nichts mehr!
Freundliche Grüße, E. Rothner.

Acht Minuten später
AW:
Sie sind bei mir falsch. Ich bin privat. Ich habe: woerter@leike.com. Sie wollen zu: woerter@like.com. Sie sind schon der Dritte, der bei mir abbestellen will. Das Heft muss wirklich schlecht geworden sein.

Fünf Minuten später
RE:
Oh, Verzeihung! Und danke für die Aufklärung. Grüße, E. R.

Neun Monate später
Kein Betreff
Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünscht Emmi Rothner.

Zwei Minuten später
AW:
Liebe Emmi Rothner, wir kennen uns zwar fast noch weniger als überhaupt nicht. Ich danke Ihnen dennoch für Ihre herzliche und überaus originelle Massenmail! Sie müssen wissen: Ich liebe Massenmails an eine Masse, der ich nicht angehöre. Mfg, Leo Leike.

18 Minuten später
RE:
Verzeihen Sie die schriftliche Belästigung, Herr Mfg Leike. Sie sind mir irrtümlich in meine Kundenkartei gerutscht, weil ich vor einigen Monaten ein Abonnement abbestellen wollte und versehentlich Ihre E-Mail-Adresse erwischt hatte. Ich werde Sie sofort löschen.
PS: Wenn Ihnen eine originellere Formulierung einfällt, jemandem »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr« zu wünschen, als »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr«, dann teilen Sie mir diese gerne mit. Bis dahin: Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr! E. Rothner.

Sechs Minuten später
AW:
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Fest und freue mich für Sie, dass Ihnen ein Jahr bevorsteht, das zu Ihren achtzig besten zählen wird. Und sollten Sie zwischendurch schlechte Tage abonniert haben, bestellen Sie sie ruhig - irrtümlich - bei mir ab. Leo Leike.

Drei Minuten später
RE: Bin beeindruckt! Lg, E. R.

38 Tage später
Betreff: Kein Euro!
Werte »Like«-Verlagsleitung, ich habe mich von Ihrem Magazin dreimal schriftlich und zweimal telefonisch (bei einer gewissen Frau Hahn) getrennt. Wenn Sie mir die Zeitung dennoch weiter schicken, so betrachte ich das als Ihr Privatvergnügen. Den soeben zugesandten Zahlschein in der Höhe von 186 Euro behalte ich gerne als Souvenir, um mich auch dann noch an »Like« zu erinnern, wenn ich endlich keine Ausgaben mehr zugestellt bekomme. Rechnen Sie aber bitte nicht damit, dass ich auch nur einen Euro einzahlen werde. Hochachtungsvoll, E. Rothner.

Zwei Stunden später
AW:
Liebe Frau Rothner, machen Sie das absichtlich? Oder haben Sie schlechte Tage abonniert? Mfg, Leo Leike.

15 Minuten später
RE:
Lieber Herr Leike, das ist mir jetzt wirklich überaus peinlich. Ich habe leider einen chronischen »Ei«-Fehler, also eigentlich einen »E«-vor-»I«-Fehler. Wenn ich schnell schreibe, und es soll ein »I« folgen, rutscht mir immer wieder ein »E« hinein. Es ist so, dass sich da meine beiden Mittelfingerkuppen auf der Tastatur bekriegen. Die linke will immer schneller als die rechte sein. Ich bin nämlich eine gebürtige Linkshänderin, die in der Schule auf rechts umgepolt wurde. Das hat mir die Linke bis heute nicht verziehen. Immer schiebt sie mit der Mittelfingerkuppe ein »E« hinein, bevor die Rechte ein »I« setzen kann. Verzeihen Sie die Belästigung, kommt (wahrscheinlich) nicht wieder vor. Schönen Abend noch, E. Rothner.

Vier Minuten später
AW:
Liebe Frau Rothner, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Und hier noch eine zweite: Wie lange haben Sie für Ihre E-Mail mit der Darlegung Ihres »Ei«-Fehlers gebraucht? Lg, Leo Leike

Drei Minuten später
RE:
Zwei Fragen zurück: Wie lange schätzen Sie? Und warum fragen Sie?

Acht Minuten später
AW:
Ich schätze, Sie haben nicht länger als zwanzig Sekunden dafür gebraucht. Für diesen Fall gratuliere ich Ihnen: In der kurzen Zeit ist Ihnen eine tadellose Mitteilung gelungen. Sie hat mich zum Schmunzeln gebracht. Und das schafft heute Abend sonst wohl nichts und niemand mehr. Auf Ihre zweite Frage, warum ich frage: Ich bin beruflich derzeit auch mit der Sprache von E-Mails befasst. Und nun noch einmal meine Frage: Nicht länger als zwanzig Sekunden, liege ich richtig?

Drei Minuten später
RE:
Soso, Sie sind beruflich mit E-Mails befasst. Klingt spannend, allerdings fühle ich mich jetzt ein bisschen wie eine Testperson. Aber egal. Haben Sie eigentlich eine Homepage? Wenn nein, wollen Sie eine? Wenn ja, wollen Sie eine schönere? Ich bin nämlich beruflich mit Homepages befasst. (Bis hierher habe ich exakt zehn Sekunden gebraucht, ich habe es gestoppt, war aber ein Berufsgespräch, das geht immer flott.) Bei meiner banalen E-Mail mit dem »E«-vor-»I«-Fehler haben Sie sich leider gründlich verschätzt. Das hat mir sicher gute drei Minuten meiner Lebenszeit gestohlen. Na ja, weiß man, wofür es gut war? Nun würde mich aber doch noch eines interessieren: Wieso haben Sie angenommen, dass ich für meine »E«-vor-»I«-Fehler-Mail nur zwanzig Sekunden gebraucht habe? Und bevor ich Sie endgültig für immer in Ruhe lasse (außer, die vom Like-Verlag schicken mir wieder einen Zahlschein), interessiert mich noch etwas. Sie schreiben oben: »Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Und hier noch eine zweite: Wie lange haben Sie ... usw. ...?« Daran anschließend habe ich zwei Fragen. Erstens: Wie lange haben Sie für den Gag gebraucht? Zweitens: Ist das Ihr Humor?

Eineinhalb Stunden später
AW:
Liebe unbekannte Frau Rothner, ich antworte Ihnen morgen. Ich schalte jetzt meinen Computer ab. Guten Abend, gute Nacht, je nachdem. Leo Leike.

Vier Tage später
Betreff: Offene Fragen
Liebe Frau Rothner, verzeihen Sie, dass ich mich jetzt erst melde, bei mir geht es momentan ein wenig turbulent zu. Sie wollten wissen, wieso ich fälschlicherweise angenommen hatte, dass Sie für Ihre Ausführungen über den »Ei«-Fehler nicht länger als zwanzig Sekunden benötigt haben. Nun, Ihre E-Mails lesen sich wie »heruntergesprudelt«, wenn ich mir diese Einschätzung erlauben darf. Ich hätte schwören können, dass Sie eine Schnellsprecherin und Schnellschreiberin sind, eine quirlige Person, der die Abläufe des Alltags niemals rasch genug vonstatten gehen können. Wenn ich Ihre E-Mails lese, dann kann ich darin keine Pausen erkennen. Die kommen mir im Ton und Tempo antriebsstark, atemlos, energievoll, flott, ja sogar ein wenig aufgeregt vor. So wie Sie schreibt niemand mit niedrigem Blutdruck. Mir scheint, Ihre spontanen Gedanken fließen ungebremst in die Texte ein. Und dabei zeichnet Sie Sprachsicherheit aus, ein gewandter, stark pointierter Umgang mit Worten. Wenn Sie nun aber erklären, dass Sie für Ihre »Ei«-Mail länger als drei Minuten gebraucht haben, dann dürfte ich doch ein falsches Bild von Ihnen entworfen haben. Sie haben mich bedauerlicherweise nach meinem Humor gefragt. Das ist ein trauriges Kapitel. Um humorvoll sein zu können, muss man wenigstens einen Hauch von Witz an sich selbst erkennen. Ehrlich gesagt: Da erkenne ich derzeit nichts, ich fühle mich absolut witzlos. Wenn ich auf die vergangenen Tage und Wochen zurückblicke, vergeht mir das Lachen. Aber das ist meine persönliche Geschichte und hat hier nichts verloren. Danke jedenfalls für Ihre erfrischende Art. Es war überaus angenehm, sich mit Ihnen zu unterhalten. Ich glaube, die Fragen sind nun alle so recht und schlecht beantwortet. Wenn Sie sich zufällig wieder auf meine Adresse verlieren, freue ich mich. Nur bitte: Bestellen Sie endlich Ihr Like-Abonnement ab, das nervt schon ein wenig. Oder soll ich's tun? Liebe Grüße, Leo Leike.

40 Minuten später
AW:
Lieber Herr Leike, ich will Ihnen was gestehen: Ich habe für meine »E«-vor-»I«-Mail wirklich nicht länger als zwanzig Sekunden gebraucht. Ich habe mich nur geärgert, dass Sie mich so eingeschätzt haben, dass ich E-Mails einfach so hinfetze. Sie haben zwar Recht, aber Sie hatten kein Recht, das vorher schon zu wissen. Also gut: Auch wenn Sie (derzeit) keinen Humor haben, bei E-Mails kennen Sie sich offenbar ganz gut aus. Hat mir imponiert, wie Sie mich spontan durchschaut haben! Sind Sie Germanistikprofessor? Liebe Grüße, Emmi »die Quirlige« Rothner. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)
  • Das Hin 
und Her 
des E-Mail-Verkehrs kann manchmal zu Problemen führen, nicht nur in Daniel Glattauers neuem 
Roman.
    grafik: microsoft outlook

    Das Hin und Her des E-Mail-Verkehrs kann manchmal zu Problemen führen, nicht nur in Daniel Glattauers neuem Roman.

  • Daniel Glattauer: "Gut gegen Nordwind" (€ 18,40/ 224 Seiten). Roman. Copyright Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2006.  Erscheint am 5. August 2006
    buchcover: zsolnay

    Daniel Glattauer:
    "Gut gegen Nordwind"
    (€ 18,40/ 224 Seiten). Roman. Copyright Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2006.

    Erscheint am 5. August 2006

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