Unter der rosa Trockenhaube blühen Plastikblumen

9. Juli 2006, 18:37
posten

Die multikulturellen Grazer Bezirke Lend und Gries werden für kleine alternative Lokale und Geschäfte immer interessanter

Graz - "Wenn es weiter so gut rennt, brauch ich mir wegen der Tattoos keine Sorgen mehr zu machen", erzählt Jakob Esslinger während er einer neuen Kundin die Haare kürzt - und erntet einen fragenden Blick. Denn was hat der Fortgang der im Februar eröffneten "Haarschneiderei"mit den kunstvollen Tätowierungen zu tun, die seinen rechten Arm von der Schulter bis zum Handgelenk wie ein hautenges Hemd aus vielfarbiger chinesischer Seide überziehen? "Na ja, dann brauch ich mich hoffentlich nie mehr irgendwo bewerben, denn du glaubst nicht, wie viele Menschen noch immer ein Problem haben mit so was. Die merken nicht, dass da viel Geld und künstlerische Arbeit dahinter steckt."

Wo Jakob jetzt mit Kollegin Nicky Pollinger die Schere schwingt, müssen die beiden 22-Jährigen sich nicht nur von keinem etwas vorschreiben lassen, sie haben vor allem auch die Kundschaft, die Jakobs Kunstwerke auf Haut genauso schätzt wie den etwas anderen Stil dieses Friseurladens. "Die Haarschneiderei"ist nämlich vergleichbaren Friseurläden in Amsterdam, Barcelona oder Berlin nachempfunden und eigentlich eine logische Konsequenz für die Entwicklung der beiden Grazer Stadtbezirke Gries und Lend.

Diese beiden aneinander grenzenden Viertel westlich der Mur, die früher als Arbeiterviertel, Rotlichtmilieu oder "die Murvorstadt"von den Großbürgern am linken Murufer nur mit Naserümpfen wahrgenommen wurden, haben sich längst zur hippsten Gegend, in der man in der Stadt leben kann, gemausert. Ein Geheimtipp ist das rund acht Quadratkilometer große Gebiet mit über 50.000 Einwohnern schon lange nicht mehr. Bereits in den 90ern wichen die meisten Bordelle und Nachtclubs bosnischen Cafés, kurdischen Greißlern und Studentenlokalen, die eigentlich nicht einmal im weitesten Sinn in der Nähe der Uni liegen. Abgesehen von Pensionisten, die schon immer hier lebten, bevölkern nun Künstler, Studenten, Architekten, Migrantenfamilien aus den ex-jugoslawischen Staaten oder aus Afrika die Straßen. Nicht zuletzt durch Bauten wie das Kunsthaus erweiterte sich das Zentrum der Stadt und wuchs über den Fluss.

Gepflegt retro

"Mir haben viele Kunden erzählt, dass sie schon richtig gewartet haben, bis hier endlich mal so ein Friseur aufmacht", freut sich Jakob, dessen Shop angrenzend an die "Buntmacher", eine vor einigen Jahren eröffnete Tattoo-Werkstadt die Belgiergasse fröhlicher aussehen lässt. Das Besondere an "so einem Friseur"fällt schon von außen auf: Die Föhns in der Auslage zwischen dem blau gestrichenen alten Holzportal kündigen das auch innen gepflegte Retrodesign an. Der kleine Salon ist voll von Versatzstücken einer Generation die in den 70ern und 80ern aufgewachsen ist - und bis heute nicht erwachsen sein will: Eine alte Autorennbahn klebt an der einen Wand, ein Plastikkunstrasen, auf dem Margeriten blühen auf der anderen, und eine rosa Trockenhaube aus den 70er-Jahren ist Dekoration und Arbeitsgerät zugleich.

Rauchen ist in der Haarschneiderei ebenso erlaubt, wie DVD schauen oder die Playstation auszuprobieren, solange man den Kopf ruhig hält. Außerdem zählt die Haarschneiderei zu den preiswertesten Salons der Stadt, was ein Mitgrund dafür ist, dass sich nun auch ältere Bewohner des Bezirks in den ausgeflippten Laden wagen. "Unser ältester Stammkunde ist 92", erzählt Nicky stolz. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 08./09.07.2006)

  • Die "Haarschneiderei" ist der erste Grazer Frisiersalon, der auch in Kreuzberg stehen könnte

    Die "Haarschneiderei" ist der erste Grazer Frisiersalon, der auch in Kreuzberg stehen könnte

  • Bring your family: Kinder zahlen bei Jakob besonders wenig, Mamas aber auch nicht viel mehr
    fotos: die "haarschneiderei"

    Bring your family: Kinder zahlen bei Jakob besonders wenig, Mamas aber auch nicht viel mehr

Share if you care.