Die Suche nach dem Grund für die Suche

14. Juli 2006, 12:44
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Catalin Dorian Florescus Roman über einen blinden Masseur und rumänische Outcasts

Teodor Moldovan kommt nach Rumänien zurück. Er kommt, und er bringt alles durcheinander. Jedenfalls sagen das die Frauen zu ihm, und eine Menge rumänischer Frauen sind an ihm interessiert. Denn er trägt einen feinen englischen Anzug und den "Passport" der Schweiz in der Tasche. Als Kind ist Moldovan mit seinen Eltern ausgewandert, und jetzt verkauft er in der Schweiz Sicherheitstüren. Was diese Türen denn kosten, fragt ihn ein Kind, und erst da wird ihm bewusst, dass eine Sicherheitstüre bestimmt so viel kostet wie die Dorfkirche.

Ein Thema von Catalin Dorian Florescus neuem Roman Der blinde Masseur ist der Mensch zwischen Arm und Reich, zwischen postkommunistischer und neoliberaler Welt. Und sein zurückhaltender, etwas phlegmatischer Teodor Moldovan besitzt die richtige Äquidistanz zur Menschenbeobachtung, nicht zuletzt zur Selbstbeobachtung. Dazu gehört die Tatsache, dass ihm der Sinn seiner Reise selbst nie ganz fassbar wird. Es ist nicht der Urlaubstrip eines gemachten Mannes, sondern die Suche nach dem Grund für die Suche. Aber es ist auch eine unendlich schwere Spritztour ins Reich der Träume. Natürlich, Teodor will seinen Wurzeln nachforschen, natürlich, er möchte seine frühere Freundin wieder treffen. Als Adoleszenter hatte er Valeria verlassen, und zwar nicht so, wie man in diesem Alter eine Freundin verlässt: Er hatte dem Verbot der Eltern gehorcht, Außenstehende in die Fluchtpläne einzuweihen. Und so wurde Valeria und die Erinnerung an sie über die Monate und Jahre zu einem schwarzen Fleck in Teodors Bewusstsein. Der Briefpack ungeschriebener Briefe, den er quasi als Entschuldigungspfand mit nach Rumänien nimmt fährt mit ihm wie ein Bleigewicht.

Catalin Dorian Florescu webt als Hintergrund die Szenerie des rumänischen Kurorts Moneasa. Aufgrund einer Autopanne bleibt Teodor Moldovan dort hängen - und macht die Bekanntschaft von Ion Palatinus, des blinden Masseurs, der dort als allseits respektierter und gefürchteter, man möchte fast sagen Dorfkaiser, lebt. Der Blinde hat kraft seiner kommunikativen Tätigkeit alle nominellen Kaiser, inklusive Fabrikdirektor und Bürgermeister, in der Hand. Er ist zudem im Besitz einer imposanten Bibliothek und lässt sich die Werke der Weltliteratur von seinen Kunden (Patienten?) in Form von Kassettenaufnahmen vorlesen.

Die hermetische Kleinstadt, in deren Brennpunkt die Literatur von einem Wahnsinnigen inbrünstig gehegt und gepflegt wird ist für Teodor Moldovan die Miniaturausgabe der Vorstellungsbilder über das Land in seinem Kopf. Denn die Geschichten dringen von zwei Richtungen auf ihn ein, von den bedruckten Seiten und den philosophischen Gesprächen, aber auch von den kleinen Leuten, wenn sie sich Luft machen. "Sie redeten mir die Ohren voll mit ihren Geschichten, die eigentlich nur eine einzige waren. Die Geschichte einer großen Ungerechtigkeit", heißt es, denn "die Geschichten der Armen ähnelten sich immer, sie hatten nie genug Geld oder Zeit für Geschichten der Extraklasse." Umgeben von der Härte der bäuerlichen Welt, von Schnaps, Zwiebel und Brot, von Diskussionen mit Worten und solchen ohne Worte, verwandelt sich der Ort Moneasa zu einem Spiegel eines Rumänien, wie es der Protagonist ersehnt und fürchtet: wild, kompliziert, querköpfig.

Als Erwachsener weiß Teodor Moldovan selbstverständlich, dass sich Vergangenheit nur in den seltensten Fällen glücklich mit Gegenwart vermischt, doch er erhofft inständig das Gegenteil: und nimmt mit Valeria Kontakt auf. Plötzlich, trotz beidseitiger Zurückhaltung, spricht alles für ein Happyend. Valeria, mittlerweile mit Kind und Mann, interessiert sich für Teodor und besucht ihn in Moneasa. Allgegenwärtig ist das gegenseitige Belauern in jenen Momenten, die die schönsten sein könnten: Ist es wahr? Wird sie den Sprung in seine Nähe wagen, und wenn ja, was würde das für ihn bedeuten? Daneben gibt es eine zweite Frau, die nicht zu denen gehört, die sich einen Schweizer angeln wollen: Elena, seine Quartiergeberin. Sie nähert sich Teodor nur dann, wenn sie nicht Gefahr laufen muss, aus ihrer Ehe auszubrechen. Dass ihr Mann sie schlägt, ist für Elena peinlich, aber auch nur deshalb, weil Teodor es sieht. Sie bittet ihn, nicht schlecht über sie zu denken. Bei Florescu gibt es kein Happyend, weder für die neu erwachte alte, noch für die nie erwachte neue Liebe, und auch nicht für den Hort der Intellektualität in einer Kleinstadt. Gnadenlos demontiert er die Illusionen, an die sich Protagonist und Leser klammern. Jemand soll einmal geschrieben haben, dass die Seiten blühen, wenn Florescu schreibt, aber es drehen sich auch die Messer.

Nicht nur wegen der schonungslosen Beschreibung einer Innensicht lohnt es sich, mit den rumänischen Outcasts in Der blinde Masseur Bekanntschaft zu machen. Der in Rumänien geborene, in der Schweiz lebende Autor geht mit seinen geradlinigen und durchschlagenden Sätzen in die Tiefe der Dinge, dorthin, wo Worte nicht nur das bedeuten, was sie heißen, sondern für Umfassenderes stehen: "In den Hinterhöfen bellten die Hunde, die einen aus Prinzip, die anderen nur nebenbei." (Von Martin Amanshauser/ ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

  • Catalin Dorian Florescu: "Der blinde Masseur"Roman. 
€ 18,40/272 Seiten. Pendo, Zürich 2006
    buchcover: pendo

    Catalin Dorian Florescu:
    "Der blinde Masseur"
    Roman.
    € 18,40/272 Seiten. Pendo, Zürich 2006

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