Italien gegen Frankreich

9. Juli 2006, 18:16
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Am Sonntag endet eine WM, die weniger wegen der Leistungen auf dem Rasen als wegen der Begeisterungsfähigkeit der Fans in Erinnerung bleiben wird. Das Finale zwischen Italien und Frankreich droht das zu untermauern

Frankreich wird das Ding machen", sagte Lukas Podolski am Freitag in den Katakomben des Berliner Olympia-Stadions. Auf dessen bis zum letzten Moment hingebungsvoll gepflegtem Rasen wird am Sonntag (20 Uhr), genau sechs Jahre und drei Tage nach dem WM-Zuschlag für Deutschland, finalisiert.

Die Herren von der italienischen Presse haben nach "Prinz Poldis" Prognose ein bisschen geschmollt. Schließlich gilt nicht nur ihnen die Squadra Azzurra als Favorit gegen die Équipe Tricolore. Aber der 21-Jährige sagt und tut, was ihm gerade so einfällt. Auch deshalb wurde er zum von Lothar Matthäus für Gillette-Geld promoteten "Best Young Player" gewählt.

Einer aus den Reihen der Finalisten dürfte von der Technical Study Group (TSG) der FIFA zum insgesamt besten Spieler der WM gekürt werden. Auf den Titel "bester Jüngling"hatte aus Altersgründen keiner Chancen. Dazu liegt bei allen die erste Rasur schon viel zu lange zurück. Das Endspiel, das mehr als eine Milliarde Menschen im Fernsehen verfolgen werden, ist konziser Ausdruck dessen, was auch die TSG festgestellt hat: "Die Trainer haben bei dieser WM nicht auf Jugend, sondern auf Erfahrung gesetzt", so TSG-Chef Holger Osieck. Für Verblüffung sorgte er mit dieser Analyse nicht.

Magie der Zahlen

Zwar ist bei Italien keiner mehr im Aufgebot, der bei Olympia 1936 Österreichs Auswahl im Finale an gleicher Stelle mit 2:1 schlug. Aber mit einem Durchschnittsalter von 28,99 Jahren und einer Gesamterfahrung aus 486 Länderspielen stehen die Azzurri den Franzosen, die es trotz des erst 23-jährigen Frank Ribéry mit seinen gerade neun Einsätzen auf durchschnittlich 29,63 Jahre und insgesamt 669 Länderspiele bringen, an Erfahrung kaum nach. Dass Frankreichs Finalisten auf mehr als doppelt so viele Teamtore verweisen können (78:32), ficht die Italiener kaum an. Schließlich sind Zinédine Zidane, der am Sonntag sein 105. und letztes Ländermatch bestreitet, und Thierry Henry mit 66 Treffern fast zu zweit verantwortlich für das Score, während bei Italien mit Ausnahme von Torhüter Gianluigi Buffon schon jeder Finalspieler zumindest einmal im Team getroffen hat. Bei der WM 2006 trugen sich zehn Italiener in die Schützenliste ein, hingegen nur vier Franzosen. Wichtigster italienischer Feldspieler, obwohl bei der WM ohne Tor, ist wohl Kapitän Fabio Cannavaro, er spielt am Sonntag zum 100. Mal im Team.

Magie der Worte

Alles spricht für eine enge Angelegenheit. Italiens Marcello Lippi, der nach der WM Alex Ferguson als Trainer von Manchester United beerben soll, erwartet "ein völlig ausgeglichenes Spiel". Eine trockene Analyse dessen, was die Zeitung Tuttosportauch eingedenk des Ligaskandals als "entscheidendste Herausforderung der italienischen Fußball-Geschichte"bezeichnet.

Auch die Franzosen schöpfen aus einer Jetzt-erst-recht-Stimmung Kraft. Die verfrühten Nachrufe auf die Mannschaft und ihn selbst ließen Trainer Raymond Domenech tief in den Pathostopf greifen. "Wir leben und sterben gemeinsam. Noch vor Kurzem wäre ich wohl allein gestorben."Für Zidane, der zum unwiderruflich letzten Mal die Stiefel als Profi schnürt, "wäre der Titel wundervoll. Vor allem auch für die Menschen, die uns unterstützt haben. Und ich spreche nicht von denen, die auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind." Also auch nicht von Podolski. (Sigi Lützow aus Berlin - DER STANDARD PRINTAUSGABE 8./9.7. 2006)

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    Die Squadra Azzurra in ihrem sechsten WM-Finale. Stehend von links: Marco Materazzi, Luca Toni, Gianluigi Buffon, Fabio Grosso, Francesco Totti. Knieend von links: Andrea Pirlo, Fabio Cannavaro, Mauro Camoranesi, Gennaro Gattuso, Simone Perrotta, Gianluca Zambrotta.

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    Die Équipe Tricolore in ihrem zweiten WM-Finale. Stehend von links: William Gallas, Zinédine Zidane, Patrick Vieira, Thierry Henry, Lilian Thuram, Eric Abidal. Knieend von links: Claude Makelele, Florent Malouda, Fabien Barthez, Willy Sagnol, Frank Ribéry.

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