Ein Zirkus mit Flügeln: "Don Quijote" in Perchtoldsdorf

7. Juli 2006, 19:59
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In der auf wenige Kapitel zusammengeschrumpften Fassung kommt es immerhin zu einem witzig choreografierten Zweikampf zu Kastagnettensound

Perchtoldsdorf - Es gibt nur einen, der Windmühlen für Riesen hält, und seine Geschichte kommt, in Erfolgszahlen gemessen, gleich nach der Bibel: Don Quijote. Ihm hat eine Überdosis Ritterromane den Blick auf die Realität verstellt, so, als bräuchte man dafür bloß das richtige Objektiv. Sein Imaginationszwang, diesen ehrenwerten, aber ausgestorbenen Stand betreffend, treibt bekanntlich die schönsten Blüten. Als rechtschaffener Edelmann ficht er dieses Idealistenschicksal seit Donnerstag auf der Herzogsburg in Perchtoldsdorf aus.

Angetrieben vom entschwindenden Humanismus seiner Epoche, zieht dieser selbst erklärte Wachmann des Edelmuts (Johannes Terne in der Titelrolle) nebst Knappen Sancho Pansa (Siegfried Walther) auf der schnöden Drehbühne im Burghof seine Runden durch die Weiten Kastiliens. In einer Bäuerin mit gigantischem Hinterteil vermeint er seine Traumfrau Dulcinea zu erkennen. Sie (Anna Zlotovskaia) entpuppt sich, herausgelöst aus ihrem Kuttenpanzer (Kostüme: Bonnie Tillemann), als wandelnde Geigerin, die gemeinsam mit dem Schlagwerker und Geräuschemacher à la Die Ritter der Kokosnuss, Lenny Dickson, die folgenden drei Stunden lang Stimmungen auf der Bühne verstärken wird.

Das ist bitter nötig in dieser Aufführung. Mühevoll schlägt ein Erzähler (Thomas Stolzeti) Brücken zwischen den müden Szenen. Bemüht wirkt deren statuarische Ausgestaltung auf der weit gehend ungenützten breiten Bühne. Sie wird von schönen blutroten Windmühlenflügeln Erich Uiberlackers auf der mittelalterlichen Turmruine überragt. Eine Art Ehrenrettung versuchen die "Nebendisziplinen": etwa eine gute Ausstattung. Vom armen Pferd Rosinante ist hier nicht mehr zu erblicken als die (meist von seinem Reiter getragene) Silhouette eines Drahtgestells.

In der auf wenigen Kapiteln des Romans basierenden Fassung von Regisseur Ioan C. Toma und Eva-Maria Schachenhofer kommt es immerhin zu einem witzig choreografierten Zweikampf (mit Stefano Bernardin) zu Kastagnettensound. Das schwere Gepäck des Idealismus, der jenem Zeitalter mit dem Ende des Epos literarisch abhanden kam, zieht hier vor Ort ein leibhaftiger, dickwanstiger Esel im Kreis. Das war aber Zirkus. (Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

Bis 31. Juli
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    foto: sommerspiele perchtoldsdorf
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