"El abrazo partido": Abschied von der Bequemlichkeit

7. Juli 2006, 19:29
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Eine Einkaufsgalerie als Mikrokosmos jüdischen Lebens: Daniel Burman gelang mit "El abrazo partido" eine sympathische Komödie rund um Familienfragen

Wien - Die Einkaufspassage hat wenig mit modernen Shoppingmalls gemeinsam. In der "Galleria" von Buenos Aires reihen sich noch kleine Handwerksläden aneinander: die Schneiderei der Gebrüder Levi, ein Geschäft für Schreibwaren, das dem alten Osvaldo gehört, oder eines für Dessous - das Internetcafé ist das einzige Indiz für neue Zeiten. Dass die meisten Besitzer osteuropäische Juden sind, erhöht den anachronistischen Eindruck dieses Ortes noch. Fast könnte man meinen, ein Schtetl vor sich zu haben.

Daniel Burmans Film "El abrazo partido/Lost Embrace" versteht seinen Handlungsort insofern als familiären Raum. Im Mittelpunkt steht Ariel (Daniel Hendler), der Sohn von Sonia, Besitzerin des Dessousgeschäfts. Schon in der ersten Szene heftet sich die wendige Handkamera an seinen Körper, reißt mit jeder Kopfbewegung in eine andere Richtung, oder sie zoomt die Personen heran, so als ob sie den fahrigen Gestus des Helden- die latente Ruhelosigkeit, von der wir erst allmählich erfahren - vorwegnehmen möchte. Ariel ist eine Art Slacker: Sein Studium hat er abgebrochen, eine lange Beziehung beendet, jetzt überlegt er, Argentinien, das sich vom Wirtschaftskollaps von 2001 noch nicht erholt hat, überhaupt zu verlassen und nach Polen zu gehen. Dabei kennt er gerade Roman Polanski: "Sie wissen schon, der mit dem Mädchen."

Zahlreiche Nebenäste

Ariels Ausreisepläne rücken den Fokus des Films stärker auf den jüdischen Hintergrund der Familiengeschichte, ohne dass daraus allein die Geschichte einer Identitätsfindung wird. Burman, selbst jüdischer Abstammung, zieht es vor, ein breiteres Panoptikum zu erstellen: Die Handlung verläuft nicht linear, Zwischentitel gehen kürzeren Episoden voraus, in denen dann auch Nebenfiguren wie Ariels Großmutter, die nicht gerne an die Vergangenheit erinnert wird, zu ihrem Recht kommen und damit den Film um Facetten bereichern.

Mehr als um ein Telos geht es in "El abrazo partido" um ein umfassenderes Bild des gegenwärtigen jüdischen Lebens von Buenos Aires, zu dem ein Rabbi genauso gehört wie die Diagnose, dass es die jüngere Generation mit den Traditionen nicht mehr so genau nimmt. Burman sucht dabei nicht die Essenz eines Milieus, sondern seine Diversität. Niemand ist folglich nur genau der, für den man ihn hält.

Das gilt nicht zuletzt für Ariels Vater Elías (Jorge d'Elia), der 1973 in den Yom-Kippur-Krieg zog und nie wieder zurückkam. Ariel hegt seitdem einen unauslöschlichen Groll auf ihn. Er hört nur die immergleichen Anekdoten über ihn - und betrachtet ihn als Fremden, den er bloß aus Super-8-Aufnahmen seiner Beschneidung kennt. Doch dann steht er eines Tages plötzlich in einer Menschengruppe und fixiert ihn eindringlich. Was zunächst nur ein weiteres Ausweichmanöver Ariels veranlasst, bis sich die Rätsel der Vergangenheit ein wenig entwirren.

Mit der finalen Zuspitzung auf den Vater-Sohn-Konflikt entfernt sich "El abrazo partido" ein wenig von der offenen Erzählstruktur und dem ironischen Gestus, mit dem er den allzu menschlichen Nöten und Fehlern seiner Figuren die Schwere nahm. Zum Glück hält Burman Ariel jedoch keine große Einsichten bereit. Der wusste bereits, dass man es sich in seinem Leben nicht zu bequem machen darf. Dass die Bereitschaft, an Erfahrungen anzuschließen, nicht gleich zu Stillstand führt, das lernt er dagegen neu hinzu. (DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

Von Dominik Kamalzadeh

Derzeit (Juli 2006) im Kino
  • Läuft gegen familiäre Beschränkungen an und vor Konfrontationen davon: Ariel (Daniel Hendler, Mitte), das unruhige Zentrum von Daniel Burmans Komödie "El abrazo partido".
    foto: filmladen

    Läuft gegen familiäre Beschränkungen an und vor Konfrontationen davon: Ariel (Daniel Hendler, Mitte), das unruhige Zentrum von Daniel Burmans Komödie "El abrazo partido".

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