Im Rausch des Blechs

2. März 2007, 16:55
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Jugoslawien: Festivaltourismus für Unerschrockene: Gucas Blechblasmeisterschaft

An sich ist Dragacevo im Westen Serbiens, gut zwei Autostunden von Belgrad, eine friedliche Gegend. Viel Wald, Felder, kleine Dörfchen. Wie das an sich beschauliche Guca mit seinen 4000 Einwohnern. Wäre da nicht die Zlatna Truba überlebensgroß am Ortseingang: die goldene Trompete. Trompete für Laien: Der Kollege aus der Musikredaktion klärte mich auf, dass auf den Guca-Bildern ausnahmslos Flügelhörner zu sehen sind, was ich so weitergebe.

Eine Woche steppt in Guca der Bär. Ein paar Hunderttausend kommen, darunter viele hundert aus dem Ausland. Anlass: das goldene Blech. An die zwei Dutzend lokale Blechbläserformationen spielen sich alljährlich um diesen Pokal die Lunge aus dem Leib. Heuer zum 46. Mal. Etwas später als gewohnt. Vielleicht, weil es Anfang August 2005 eine Woche bei frischen Temperaturen durchregnete, versuchen es die Organisatoren mit Monatsende. Laut www.guca.co.yu: 30. August bis 3. September.

Mehr Hals als Kopf

Wer sich auf einem der Wien-Konzerte von Boban Markovic mit dem Blechblasvirus infiziert hat, dem oder der bleiben also noch ein paar Tage Zeit für die Vorbereitung auf Guca.

Aber Vorsicht: Den besten aller balkanischen Blechbläser haben Sie schon erlebt. Weil Boban die goldene Trompete fünf oder mehr Male gewonnen hat, darf er nicht mehr am Bewerb teilnehmen. Sein Sohn Marko, dessen Soli seinen Hals weit über Kopfesbreite aufblasen, wollte offenbar bisher nicht mitmachen.

Marko hat das auch nicht mehr nötig: 2005 drehte er als Hauptdarsteller nach dem Samstagabendkonzert von Guca noch rasch ein paar Szenen für den Spielfilm "Love Fair", das Publikum war praktischerweise ja noch da.

Boban und Marko spielen lange vor dem Bewerb, der das Festival sonntags abschließt. Rechnerisch ein Vorprogramm, massenemotional ein Höhepunkt. Aber der Reihe nach.

Mit Militärmusik kam die Trompete nach Dragacevo. Heute geht es um Tänze - Kolo und Cocek. Noten braucht keiner. Drei Finger auf den Ventilen reichen für tausend Töne.

Frei von Pathos ist hier wenig. Fejad Sejdic, einer der zahllosen Gewinner des Bewerbes, wird hier gerne zitiert mit: "Wenn wir vom Blatt spielten, wozu bräuchten wir dann eine Seele?" Ivan, unser Wegweiser durch das serbische Gemüt, verortet die Trompete gleich in seinem Herzen. Auch wenn er sich selbst nur einmal, spät am Abend, nach viel Bier und Rakija, an dem Instrument versucht hat.

Ivans Tipp: "Dim" sagen, das serbische Wort für Rauch, mit dem "m", ohne nochmals einzuatmen, die Trompete ansetzen und blasen. Aber vergessen wir die Technik: Um Herz, Seele geht es hier, haben wir gelernt, um Gefühl und Gemeinschaft.

Bier und Ballermann

Gefühle zeigen hier nicht nur ihre schönsten Seiten. Vor allem, wenn neben Blech auch Bier und Ballermann sie befördern. Guca ist ein Wettstreit der Blechbläser, in dem Universitätsprofessoren Authentizität und Können bewerten. Doch Guca ist ebenso ein für die abgelegene Region gewaltiger Jahrmarkt mit Lunapark, brüllend laut auch ohne Verstärker, ein Umschlagplatz für Unmengen gegrillten Fleisches, Apatinsko Pivo, Gußeisenöfen, Hüte und Trachten, sogar Autos, Jalousien und Fertigparkett, Plastikramsch, Fahnen und viele, viele T-Shirts. Auch mit Konterfeis von Kriegsverbrechern wie Radovan Karadzic.

Doch bei allen Schattierungen zwischen Patriotismus und Nationalismus - und trotz der vielen, vielen Biere - ein ausnehmend friedliches Festival. Auch wenn Serben hier gerne die Statue des Trompeters erklimmen und grölend die Nationalflagge schwenken. Friedlich auch, wenn man mal vom ohrenbetäubenden Getöse absieht: Vom "Weckruf für die Trompeter" mit drei Böllerschüssen um sieben (sieben!) Uhr früh bis zu den unzähligen Bands, die bis in die Nacht von Bierzelt zu Bierzelt ziehen. Auch drei oder vier Gruppen gleichzeitig in einem gar nicht so großen Zelt.

Unter dreimal pro Stunde "Kalaschnikoff" - funktioniert bei jungen Serben ähnlich wie Grönemeyers "Alkohol" beim deutschsprachigen Nachwuchs - und anderen Blechhadern mit unbewaffneteren Titeln tut's Guca nicht.

Blumigster Trinkspruch gesucht

Ziemlich exakt in der Mitte dieser großen, lärmenden Blechblase vermietet Olga privat ein, zwei Zimmer. Das einzige Hotel am Platz - heißt natürlich Zlatna Truba - ist Monate vor dem Festival ausgebucht. Billig sind in Serbien selbst Privatquartiere nicht. Das macht den Park- oft auch gleich zum Campingplatz mit teils durchaus originellen Zeltplätzen auf dem Dachträgern des betagten Renault R4.

Bei Olga ist mehr als wohnen. Wann immer wir aus den überfüllten Straßen in ihren Vorgarten flüchten: Mal bewirtet sie ein Fernsehteam mit "Kaffu" (Kaffee). Mal kommt ein Motorradpolizist auf ein schnelles Tässchen vorbei, der noch behilflich sein kann.

Nachbarn schauen vorbei, Verwandtschaft. Hinten, kurz vor dem kleinen Schweinestall und dem Gewächshaus für Tomaten ("Paradeis", sagt auch Olga) noch "small business": So lange das Festival dauert, so lange bedrucken da hinten in der Hütte ein paar junge Männer T-Shirts. Quasi on demand. Aber ohne Kriegsverbrecherkonterfei.

Unter dem Nussbaum gleich vor Olgas Haus probt eine Band noch schnell vor dem Wettbewerb am Sonntagnachmittag. Auf dem Festivalgelände zeigt das Publikum nach der Woche schon leichte Ermüdungserscheinungen: Markovics Konzert, Brass Bands, Blechdisko mit dem landesüblichen "Turbofolk", ein Abend mit Blechblasformationen aus dem Ausland (die Franzosen eröffnen mit Abbas "Gimme, gimme, gimme"), Paraden und bemerkenswerte Nebenbewerbe - die schönste Tracht, die beste Nachwuchskapelle und vor allem der Erfinder der blumigsten Trinksprüche. Wen kümmert Müdigkeit? Immer wieder formieren sich Kolo tanzende Gruppen, singen mit.

"Vorne beim Kulturzentrum spielt gerade die Siegerband", ruft Ivan Sonntagabend in Olgas Vorgarten. "Welche denn?" (Wir waren zu erschöpft, um auf die Wertung zu warten.) Weiß er jetzt auch nicht so genau. Kann also nicht ganz so wichtig sein. Außer für die Siegerband natürlich: Das bringt Auftritte und Auskommen für einige Familien. (Harald Fidler, Der Standard, Printausgabe 8./9.7.2006)

Info

Guca
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    Bier fließt in Unmengen – in den Ballon muss niemand blasen.

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