Radschlag für das Baltikum

2. März 2007, 16:55
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Um sich den Rätseln Litauens und Lettlands zu nähern, kann man ruhig ein paar Gänge zurückschalten

Warum Beata, unser sattelfester Guide, gerade Pedalrittern weismachen möchte, dass diese Inselburg völlig uneinnehmbar sei, ist uns ein Rätsel. Haben wir Trakai doch zuerst recht gemächlich mit dem Fahrrad umkreist und dann leichten Fußes über den Kiefernholzsteg betreten. Eingenommen haben wir lediglich danach am Ufer des Galve-Sees eine Barsciai, die litauische Rote-Rüben-Suppe.

Ein ungleich größeres Rätsel ist es dennoch, wie eine kleine Gruppe von Karäern - ein Turkvolk mit jüdischen Wurzeln, das jedoch nie die Autorität der Rabbis anerkannte und immer islamischen Einflüssen unterworfen war - hier in Trakai über die Jahrhunderte die eigene Kultur und Sprache pflegen konnte. Ein anderes ist, warum man in Kaunas, der provisorischen litauischen Hauptstadt zwischen 1920 und 1940, ein Rathaus baute, das wie eine barocke Kirche aussieht, aber nie sakrale Funktion besaß.

Bereits die ersten Kilometer auf dem Weg von Vilnius in die lettische Hauptstadt Riga stellen uns vor denksportliche Aufgaben, für die Wadeln sind die wohldosierten Tagesetappen im Sattel keine große Herausforderung. Der etwas antiquierte Begriff "Reisegesellschaft" passt wahrscheinlich ganz gut für uns, denn für eine "Reisegruppe" fahren wir zu wenig mit dem Bus - nur die landschaftlich uninteressanten Abschnitte werden so überbrückt - und der eher fortgeschrittene Altersdurchschnitt verpflichtet zu eloquentem Benehmen: Die Gelsen, die uns hungrig auf unserer nächsten Etappe zum kurischen Haff erwarten, erledigen wir nicht mit der flachen Hand, sondern schnell radelnd mit unseren Ray-Ban-und Gucci-Sonnenbrillen. Hilfreich jedenfalls sind auch die sehr späten und spektakulären Sonnenuntergänge im Juni, denn solange es hell bleibt, hält sich der Appetit der Insekten in Grenzen.

Dünenwanderung

Es ist die Sonne selbst, die am nächsten Tag beim Übersetzen mit der Fähre vom Festland über das Haff auf die kurische Nehrung sticht. Die sich auch ganz hervorragend in den größten Wanderdünen Europas macht und einen kleinen Beitrag dazu leistet, dass hier an der Ostsee die Wüste gefühlt werden kann. Die fast hundert Kilometer lange, aber nicht einmal drei Kilometer breite Landzunge, die sich Litauen mit dem Kaliningrader - also russischem - Gebiet teilt, ist eine äußerst pflegeintensive Naturschönheit. Damit sie so bleibt, wie die Brüder Humboldt sie begeistert beschrieben, darf hier nämlich nicht zu viel aufgeforstet und somit ein Nachschub an frischem Sand von Westen her verhindert werden. Lässt man alles, wie es ist, werden die Wanderdünen allerdings auch keinen Halt vor den vierzehn Dörfern machen, die sie schon einmal in der Geschichte unter ihrem Sand begraben haben.

Geringeren Problemen war man hier, wo nach dem Vorbild der alten Hanse heftig gehandelt wurde, gewohnt, mit innovativen Erfindungen zu begegnen: So darf man den Litauern ruhig unterstellen, quasi die Vorform der Kfz-Kennzeichen erfunden zu haben - nur eben für die Handelsschifffahrt. Um zu klären, wer woher kam und folglich wie viel Zoll an wen entrichten musste, trug jeder Baum eines Schiffes einen Wimpel mit einfachen Symbolen, die den Sprachbarrieren zum Trotz zu entziffern waren. Im Geschichtemuseum in Nida steht ein ganzer Wald davon.

Der Mann im Wald

Der junge Wald, der die große Düne in den letzten zwanzig Jahren um fünfzehn Meter Höhe schwinden ließ, verstellt heute auch ein wenig den Blick aufs Haff, den Thomas Mann immer als seinen "Italienblick" bezeichnete. Die drei Sommer zwischen 1930 und 1932, die er dort in seinem Haus in Nida verbrachte, nütze er allerdings auch weniger zum Schauen. Ein Großteil des Romanzyklus "Joseph und seine Brüder" entstand nämlich auf der Nehrung.

Nicht dass der Radweg Nummer 10 auf der kurischen Nehrung kein schöner wäre. Nur verhält es sich halt so, dass es bis zur Hafenstadt Klaipeda, die bereits wieder auf dem Festland liegt, einfach zu viel zu sehen gibt. So hält der Radler bereits hier Ausschau nach dem "Gold der Balten", also Bernstein, der hier angeblich sogar "im Straßengraben liegt".

Glückliche werden allerdings erst in Palanga fündig, dem größten Kur- und Badeort Litauens, wo am Strand eventuell nicht nur das Meer glitzert, sondern mitunter auch das eine oder andere Bernsteinstück im Sand. Dem unsicheren Schicksal eines Goldgräberdaseins begegnet der Reiseveranstalter Rotalis mit einer einkalkulierbaren Konstante: dem Picknick.

Radschlag für das Baltikum

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Reiseleiter, der immer mit der Gruppe - Pardon, der Gesellschaft - radelt, Bernsteinsuchern und Mischwaldbestimmern nicht mit einer Auskunft weiterhelfen kann, ist uns der Begleitfahrer immer ein paar Speichen und Ellen voraus. Um uns wie hier, an einem einsamen Ostseestrand zehn Kilometer vor der lettischen Grenze mit Kaviar und Schraubenschlüssel abzulenken.

Während Litauens Landschaft bereits über einen großen Pool berühmter Persönlichkeiten verfügt, die diese blumig zitiert, müssen für das lettische Kurland erst Worte gefunden werden. Sprachlos allerdings machen uns vorerst die Stromschnellen der Venta, die mitten in Kuldiga einen der breitesten Wasserfälle Europas bilden. Das Licht der stundenlangen Dämmerung und das borstige Gras holen ein wenig kambodschanische Reisfeld-Stimmung in ein Dorf, das sonst mit seinen Holzfassaden eher einer Westernstadt gleicht. Nur der "Saloon" ist hier ein italienischer Eissalon, der - über den zahlreichen Kanälen der Stadt gelegen - mal wieder den Vergleich mit Venedig bemüht.

Da bei uns mangelnde Lettisch-Kenntnisse und eigene lyrische Defizite zusammentreffen, lassen wir uns die lettische Landschaft und Geschichte in Zemites einfach vorsingen. Fester Bestandteil für die radelnde Partie ist nämlich der Besuch einer Volksschule, wo ein Mädchenchor nicht unschüchtern, aber mit sicheren Stimmen ein wenig von sich, der umliegenden Landschaft und kleineren Heldenepen erzählt. Die klassische Folklorenummer ist das angenehmerweise nicht, dafür sorgt schon die Lehrerin, die wie aus dem Lehrbuch spricht, nur dass ihre einzigen "Unterlagen" das Nachmittagsprogramm von RTL waren. Über Sätze wie "Lettischer Wein ist total abgefahren!" darf man sich dann nicht wundern. Wobei sie nicht grundsätzlich irrt, denn die Fahrt zum nördlichsten (und wahrscheinlich mickrigsten) Weinberg der Welt in Sabile lohnt sich nicht wirklich in einem Land, das das "deutsche Reinheitsgebot" recht früh durch die Hanse übernahm und prächtig interpretiert.

Gesellschaftsfähig - und auch fähig einer Reisegesellschaft zu gefallen - ist jedenfalls die Aussicht von der Skyline Bar im Reval Hotel Latvija in Riga. Wer vom einzigen 26. Stock im Zentrum der Stadt hinunterblickt, weiß sofort, dass es hier zu viel zu sehen gibt für einen Tag. Getröstet wird man von einem einstündigen Sonnenuntergang ohne völlige Dunkelheit danach. (Sascha Aumüller, Der Standard, Printausgabe 8./9.7.2006)

  • Lettische Geschichten, erzählt vom Mädchenchor in Zemites.
    foto: der standard

    Lettische Geschichten, erzählt vom Mädchenchor in Zemites.

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