Kirche: Das Land nicht "anzünden"

14. Juli 2006, 13:43
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Sieger ist frommer Katholik, Verlierer fühlt sich verfolgt wie Jesus

Mexiko-Stadt/Wien - Er warne davor, die Gemüter weiter anzuheizen und "das Land anzuzünden", sagte der Sprecher der mexikanischen Bischofskonferenz. Bischof Carlos Aguiar Retes forderte den Linkskandidaten López Obrador auf, seine amtlich bestätigte Niederlage anzuerkennen. Der zum Sieger erklärte Felipe Calderón wird von der kirchlichen Nachrichtenagentur als "gläubiger Katholik"beschrieben, der "ein Gegner von Abtreibung, Euthanasie und Homosexualität"sei.

In Mexiko, wo an sich eine strikte Trennung von Staat und Religion gilt, hat sich auch Gegenkandidat López als Katholiken bezeichnet, der viel für Jesus empfinde. "Auch er wurde verfolgt und er wurde gekreuzigt", sagte López in einem TV-Interview. Der Historiker Enrique Krauze bezeichnete ihn daraufhin als "messianischen Populisten".

López Obrador ist jedenfalls keiner, der die andere Backe hinhält, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Als ihm die Regierung 2005 die Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl verwehren wollte, weil er als Bürgermeister von Mexiko-Stadt in einem Streit um Land eine richterliche Anordnung nicht befolgt hatte, mobilisierte López Obrador die Straße. 250.000 Menschen demonstrierten für ihn, die Vorwürfe wurden wieder zurückgenommen.

Für heute, Samstag, hat López Obrador zu einer "informativen Versammlung"auf dem Zócalo, dem wichtigsten Platz der Hauptstadt, aufgerufen, um zu berichten, wie man ihm Stimmen gestohlen habe. Mexikos Medien erinnern daran, dass ihm das schon einmal passiert ist, als er 1994 in seinem Heimatstaat Tabasco bei den Gouverneurswahlen kandidierte. Der Politikwissenschafter und Experte für die Urbevölkerung war ursprünglich bei der in Mexiko fast alles beherrschenden "Partei der Instititutionalisierten Revolution"aktiv gewesen, wechselte dann aber zur linken "Partei der Demokratischen Revolution".

Als er damals in Tabasco gegen den PRI-Mann Roberto Madrazo (heuer abgeschlagener Dritter bei den Präsidentenwahlen) unterlag, besetzten López Obradors Anhänger drei Wochen lang den regionalen Regierungssitz. Am Ende verlor er die Auseinandersetzung, obwohl sein Gegner im Wahlkampf offenbar mehr als erlaubt ausgegeben hatte. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

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