Gusenbauer darf Rotwein trinken

10. Juli 2006, 22:17
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Sozialpsychologe über das Verhältnis von Luxus und Politik

Graz - Ideale Politiker verfügen über ein Durchschnittseinkommen, kaufen bei H&M ein, genießen Hausmannskost, ein Seidel Bier und machen natürlich in Österreichreich Wanderurlaub. Sie wohnen vorzugsweise in einer bescheidenen Mietwohnung, die mit einem niedlichen Hund geteilt wird.

Aber dürfen sie auch teure Rotweine lieben, auf die Malediven jetten oder sich in einem Penthouse einmieten? "Warum nicht?", sagt der Grazer Sozialpsychologe Gerold Mikula, Institutsvorstand für Sozialpsy chologie an der Universität Graz . Mikula zählt seit Jahren zu den führender europäischen "Gerechtigkeitsforschern".

Mikula ist überzeugt, dass auch Politikern - und ebenso Gewerkschaftern - ein gewisser Luxus durchaus zugestanden wird - Bawag-Skandal hin oder her. "Luxus ja, aber nur dann nicht, wenn die Leute den Eindruck gewinnen, dass ein Besitz oder Vorzug nicht rechtmäßig erworben wurde, oder dass der Besitz nicht unter den gleichen Bedingungen erworben wurde, wie es ein durchschnittlicher Staatsbürger bekommt."

Gerold Mikula im Gespräch mit dem Standard : "Ich glaube, anders gesagt, das Penthaus allein wäre es bei Fritz Verzetnitsch zum Beispiel nicht gewesen, sondern was anstößig war ist, dass er Bedingungen als Politiker oder Gewerkschafter hatte, die andere nicht haben. Ich zum Beispiel hätte das Penthouse nicht um diesen Preis bekommen."Oder Finanzminister Karl-Heinz Grassers Bauernhof in Tirol. Mikula: "Da laufen die Dinge genau so. Es geht nicht darum, dass sich der Minister da etwas kauft oder mietet, sondern dass er es zu Bedingungen bekommt, die für andere nicht offen sind."

Es spiele aber noch ein weiterer Aspekt herein und der treffe speziell die SPÖ. Wenn sich eine Partei nach wie vordarstelle als "eine Partei, die der sozialistischen Idee verhaftet ist, dann passen eben bestimmte Dinge des Luxuslebens nicht ins Bild. Wenn ein eklatanter Widerspruch zwischenIdeologie und dem Gehabe entsteht, fällt das natürlich auf."Gerold Mikula: "Das ist aus anderer Sicht natürlich wieder unfair, weil solche Vorwürfe man einem ÖVP-Politiker nicht machen würde."

Um richtig einzuschätzen, was ihnen heute noch "zustehe", dazu fehle Politikern oft schon der Sinn für die Realität. "Wenn man sich lange in sehr homogenen Gruppen bewegt, verliert man die Sensibilität für das, was in anderen Bereichen der Gesellschaft vor sich geht. Man lebt in einer eigenenWelt. Politiker sagen zwar, sie haben Kontakt zur Bevölkerung, mag sein, aber eben nur zu einem spezifischen Ausschnitt. Kaum geht's einem gut, vergisst man sehr viel von früher und kann sich nicht mehr wirklich in die Rolle der breiten Bevölkerung hineinversetzen.

Das kann mit Sicherheit ein Alfred Gusenbauer nicht und auch ein Wolfgang Schüssel nicht mehr. Ich denke da an eine jüngste Episode. Da bekam ein Passant dieses politische Gartenbuch geschenkt und er antwortete: Was soll ich mit einem Gartenbuch, ich habe ja nicht einmal eine Wohnung."Der Schlüsselbegriff in der Privilegiendebatte sei "die Gerechtigkeit". Mikula: "Wenn jemand, auch ein Politiker, mehr leistet, darf er auch mehr besitzen." (Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2006)

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