Merkel grillt mit Bush

10. Juli 2006, 20:42
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Für den US-Präsidenten ist es die erste Reise nach Ostdeutschland. Die CDU serviert ihm Wildschwein, die Sozialdemokraten sind sauer

In Trinwillershagen, einem über den Wahlkreis Nordvorpommern hinaus kaum bekannten 1300-Seelen-Dorf, ist seit Wochen Ungewöhnliches zu beobachten: Schwarze Limousinen fahren vor, Taucher untersuchen den idyllischen Dorfteich, Männer in dunklen Anzügen inspizieren die Kanaldeckel und das frisch gestrichene Kulturhaus der einstigen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) "Rotes Banner".

Besondere Verantwortung ruht auf Olaf Micheel. Der Wirt des Dorfwirtshauses "Zu den Linden"wird persönlich das Wildschwein erlegen und zubereiten, das dem hohen Gast am Donnerstag beim Barbecue mit der Kanzlerin serviert wird. Schließlich soll der Präsident sich auf Ex-DDR-Gebiet fast so heimelig fühlen wie auf seiner Ranch in Texas.

Magenschmerzen

Bush und Merkel wollen sich nämlich bei diesem halbprivaten Besuch näher kommen. Bei ihrer ersten Visite bei ihm im Weißen Haus im Jänner haben sich die beiden schon recht gut unterhalten. Vergessen sind die Zeiten, da Bush beim Gedanken an Germany und dessen Chancellor Gerhard Schröder Magenschmerzen bekam.

"Sie ist smart. Sie ist charmant und sie liebt die Freiheit", lobte Bush und setzte in einem von ARD-Talkerin Sabine Christiansen geführten Interview noch eine Art Kompliment nach: "Wenn ich mit Angela spreche, habe ich nicht das Gefühl, jetzt mit einer Frau zu sprechen."

Thema DDR

Bush - ohnehin auf dem Weg zum G-8-Gipfel in St. Petersburg - schaut also gern in Merkels Wahlkreis vorbei und absolviert dort ein üppiges Programm. Wohnen wird er zwei Nächte im noblen Ostsee-Bad Heiligendamm, in der Hansestadt Stralsund gibt er eine Pressekonferenz mit der deutschen Bundeskanzlerin, trägt sich in das goldene Buch der Stadt ein und besucht die Nikolai-Kirche. Danach geht es mit dem Helikopter in das 30 Kilometer entfernte Trinwillershagen.

Dort will sich Bush mit Bürgern der ehemaligen DDR unterhalten, und das bedeutet eine harte Probe für seine Sicherheitsleute sowie die deutsche Polizei. Einerseits muss der Gast natürlich bestmöglich geschützt werden. Andererseits erinnert man sich in Deutschland nur ungern an den letzten Besuch von Bush. Im Februar 2005 wurde er von Schröder in Mainz empfangen. Die rheinland-pfälzische Hauptstadt war strikt abgeschirmt. Danach bedauerte sogar die deutsche Regierung, "dass die Sicherheitsvorgaben eine unmittelbare Begegnung zwischen dem Präsidenten und der Mainzer Bevölkerung schlussendlich nicht möglich gemacht haben".

"zügellose Machtpolitik"

Das soll nicht wieder passieren, gibt es doch im Vorfeld des Spektakels ohnehin schon genug Spannungen. Mecklenburg-Vorpommern wählt am 17. September einen neuen Landtag. Während die CDU im Nordosten eine "einmalige Chance"für das strukturschwache Bundesland mit hoher Arbeitslosigkeit sieht und frohlockt, der Besuch bringe mehr als jede teure PR-Aktivität für "Meck-Pom", zürnt der SPD-Landesverband Stralsund und stellt sich damit auch gegen Ministerpräsidenten Harald Ringstorff (SPD), der mit der Linkspartei koaliert.

Bush möge zu Hause bleiben, erklären die Genossen in der Hansestadt, denn er betreibe eine "zügellose Machtpolitik ohne Rücksicht auf das Völkerrecht, die Menschenrechtskonventionen und internationale Übereinkommen". 5000 Menschen wollen demonstrieren - unter dem Motto: "Not Welcome, Mr President". (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

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    Präsident Bush 2004 beim Grillen in North Middleton Township, Penn.

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