Die merkwürdigste Partie

8. Juli 2006, 22:11
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Deutschland und Por­tugal spielen das Spiel um Platz drei - Portugal will seinen Erfolg aus 1966 wiederholen, Deutsch­land muss seine Gastgeberpflichten erfüllen

Stuttgart - Das ist die schönste Zeit, vergleichbar der zwischen schriftlicher und mündlicher Matura, wenn Erstere positiv ausgefallen ist, und das zumindest kann man dem deutschen Team zweifellos attestieren. Das WM-Turnier ist zwar einerseits schon aus, andererseits aber doch nicht, vor allem für den Gastgeber nicht, denn der muss jetzt seine Gastgeberpflichten erfüllen. Und das wiederum ist vergleichbar dem Grillmeister, der eben sein fünftes Bier aufgemacht hat, und in dem Moment kommt überraschend eine befreundete Familie mit zwei quietschvergnügten Kindern, deren Qietschvergnügtheit mit den in Aussicht gestellten Grillwürsteln in einem engen Zusammenhang steht.

Wer will, kann in diesen beiden hungrigen Quälgeistern Luis Figo erkennen. Der hat nämlich jetzt gesagt: "Die WM ist noch nicht vorbei."Ja, mehr noch, wie Ikone Eusebio erläutert: "Wir haben noch ein Spiel vor uns, das eine Belohnung verspricht."Das klingt ganz so, als wolle der portugiesische Kapitän sein "definitiv letztes Match", das am Samstag um 21 Uhr in Stuttgart angepfiffen wird, sehr ernst nehmen. Torwart Ricardo legt dem Grillmeister noch eins drauf: "Wir haben uns noch etwas verdient."Und wenn schon nicht das, so will man doch dem brasilianischen Trainer Luiz Felipe Scolari ein schönes Abschiedsgeschenk machen, denn Scolari wird sich aus Portugal verabschieden, "definitiv".

So wie es also ausschaut, werden die Deutschen etwas ins Schwitzen kommen, wollen sie verhindern, dass Portugal seinen bislang größten Erfolg, den dritten Platz 1966, noch einmal erringt. Und das kommt insofern ungelegen, als ein Gutteil des im Turnierverlaufs sehr bewährten deutschen Teams einiger Pflege bedarf.

Tormannfrage

Nach Per Mertesacker (Fersenoperation) und Arne Friedrich (Innenbandzerrung im Knie) fällt auch Kapitän Michael Ballack aus. Der Spielmacher muss wegen einer Sehnenentzündung in der linken Kniekehle passen. Die DFB-Ärzte rieten Ballack dringend von einem Einsatz ab. Fraglich ist auch der Einsatz von Tim Borowski, der wegen einer Fußblessur das Training am Freitag abbrechen musste.

Was Deutschland freilich wirklich beschäftigt, spielt sich ein paar Meter hinter der Viererkette ab. Jens Lehmann wird Platz machen müssen für den Sympathieträger der so sympathisch Gewordenen, der seinerseits das ganze Turnier über sympathisch brav sein Bankerl gedrückt hat. Oliver Kahn, darauf hat sich Teamchef Jürgen Klinsmann fast so frühzeitig festgelegt wie zuvor auf Lehmann, wird das Tor der Deutschen hüten, auch er zum definitiv letzten Mal, immerhin ist er schon 37, während Lehmann das demnächst erst sein wird.

Genauso gesetzt wie Oliver Kahn wird Miroslav Klose sein. Für den Stürmer geht es um die Krone des besten Torschützen. Der zweite Teil des Polen-Sturms, Lukas Podolski, wird dagegen pausieren. Auflaufen wird, so wie es ausschaut, sein Kollege Oliver Neuville. (sid, wei - DER STANDARD PRINTAUSGABE 8./9.7. 2006)

  • DEUTSCHLAND - PORTUGAL (Samstag, 21 Uhr, Stuttgarter Stadion, Schiedsrichter Toru Kamikawa/Japan):

    Deutschland: 12 Kahn - 16 Lahm, 4 Huth, 21 Metzelder, 2 Jansen - 19 Schneider, 8 Frings, 18 Borowski oder 5 Kehl, 7 Schweinsteiger - 20 Podolski, 11 Klose

    Fraglich: Borowski (Fußverletzung) Es fehlen: Lehmann (Pause), Mertesacker (Schleimbeutel-Operation Ferse), Friedrich, Ballack (beide Innenband-Zerrung Knie)

    Portugal: 1 Ricardo - 2 Ferreira, 5 Meira, 4 Ricardo Costa, 14 Valente - 7 Figo, 18 Maniche, 20 Deco, 6 Costinho, 17 C. Ronaldo - 9 Pauleta

    Fraglich: Miguel (Knieverletzung) Es fehlt: Miguel (Knieverletzung), Carvalho (gesperrt)

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