Neuro-Imaging menschlicher Abgründe

7. Juli 2006, 18:37
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Der Gedächtnisforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel sprach über seine Karriere, seine frühen Ängste und heutigen Hoffnungen

Wien - Es gibt kein Zurück. Aber es gibt das Gedächtnis. Wenn Eric Kandel heute über seine Kindheit in Wien spricht, über die Vertreibung , den Neuanfang in Amerika, seine Forschungsarbeiten, dann geschieht das ohne Verklärung und ohne Ressentiment, sondern als Versuch, sich zu erinnern.

Dass er damit sein ureigenstes wissenschaftliches Interesse pflegt und nutzt, verleiht seinen Ausführungen eine zusätzliche Pointe. Kandel gilt als einer der führenden Neurowissenschafter weltweit, für seine Arbeiten zur Neurobiologie des Gedächtnisses hat er 2000 den Nobelpreis bekommen. Dieser Tage ist er in seiner Heimatstadt zu Gast. Der Bundespräsident traf ihn zu einem Essen, Kollegen und Freunde suchen ihn auf. Und am Donnerstagabend luden die Sigmund-Freud-Privatstiftung und der Siedler Verlag zu einem Vortrag Kandels in die Berggasse, Thema: "Auf der Suche nach dem Gedächtnis".

Unmittelbarer Anlass war das Erscheinen seiner gleichnamigen Autobiografie mit dem Untertitel Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes(¬ 25,50/528 Seiten, Siedler, München 2006). Doch der amerikanische Forscher kommt auch gerne nach Wien, um Distanz und Nähe zu ermessen. Zu sehen, was anders geworden ist oder werden könnte.

Die frühen traumatischen Erfahrungen mit dem Wiener Antisemitismus "zeigten mir die Unvorhersagbarkeit menschlicher Beweggründe, und ich wollte das Warum verstehen". Antworten sollten zunächst das Geschichtsstudium bringen, dann die Hinwendung zur Psychoanalyse und schließlich zu derem scheinbaren Gegenteil, eben der Neurobiologie.

Kleine rote Pille

In der übervollen Lounge führte Kandel seinen Werdegang teils wissenschaftlich, teils anekdotisch vor. Die Beschäftigung mit unbewussten Motiven hatte ihn nicht losgelassen, er war ihr nur statt auf freudianische Art mit einer immer reduktiveren Konzentation auf das Geschehen in den Synapsen näher gerückt. Ob sich eines Tages menschliche Eigenschaften und Begabungen aus dem Neuro-Imaging ablesen lassen? Diese Frage, kürzlich in der Süddeutschenskeptisch gestellt, beantwortete Kandel vorsichtig positiv.

Im Übrigen hoffe er, nach der Totalablehnung Freuds, auf eine Wiederannäherung zwischen der Psychoanalyse und den Naturwissenschaften - erste Anzeichen sehe er schon seit einiger Zeit. Allerdings weniger im Philosophischen. Das Primat der "hard sciences"ist für ihn gegeben; davon zeugt auch die zweite Neuerscheinung von ihm, Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes(¬ 29,10/341 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006).

Bewegt hoffte Kandel in einer Frage-und-Antwort-Sitzung vor dem Publikum, dass neue Ausbildungszentren in Österreich die Art von Karrieren ermöglichen werden, die ihm hier verwehrt geblieben wäre. Und dass ein wenig von dem demokratischen amerikanischen Geist in die akademischen Hallen einziehen möge.

Eine andere Frage betraf seine Arbeit an Gedächtnispräparaten - "die kleine rote Pille". Bei Mäusen zeitigen diese praktischen Resultate seiner Forschung bereits Wirkungen.

Aber was soll man tun, bis sie auch Menschen zugänglich werden? "Üben", sagte Kandel, "trainieren, laufen, intellektuell rege bleiben - zum Beispiel oft ins Freud-Museum gehen -, viel sozial unterwegs sein. Einfach ein gutes Leben leben." (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9 7. 6. 2006)

  • Was tun, damit das Gedächtnis erhalten bleibt? "Üben, trainieren, lntellektuell rege bleiben, Einfach ein gutes Leben leben." 
Eric Kandel, 76, lebt 
es vor.
    foto: standard/heribert corn

    Was tun, damit das Gedächtnis erhalten bleibt? "Üben, trainieren, lntellektuell rege bleiben, Einfach ein gutes Leben leben." Eric Kandel, 76, lebt es vor.

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