Gewerkschaftsbank auf Gemäldesuche

16. Juli 2006, 18:05
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Die Bawag wurde durch Wolfgang Flöttl Eigentümerin von 78 wertvollsten Gemälden. Nach deren Verkauf durch Flöttl will sie nun wissen, ob sie noch Geldansprüche hat

Wien – Die Jagd hat begonnen, die Spurensuche gestaltet sich, wie in allen Belangen der Bawag-Vergangenheitsbewältigung, sehr schwierig. Weil es aber um sehr viel Geld geht, hat Bawag-Chef Ewald Nowotny nun Profis auf die Fährte gesetzt: Detektive sind dabei, den Verbleib der berühmt-berüchtigten Gemälde des Wolfgang Flöttl zu klären.

Cézanne, van Gogh, Picasso

Es geht um nicht weniger als 78 Bilder, von Künstlern wie Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Pierre-Auguste Renoir, Pablo Picasso oder Georges Seurat bis hin zum US-Pop-Art-Künstler Robert Rauschenberg oder Pedro Moreno-Meyerhoff. Der Warenwert der Sammlung wird mit 252,9 Mio. Dollar angegeben.

Höchster Warenwert mit 67,5 Mio. Schweizer Franken (das wären heute rund 44 Mio. Euro) hatte Flöttls "Le Reve" , also Picassos "Traum". Er wurde 2001 verkauft, der Schätzwert dürfte damals bei 70 Mio. gelegen sein. All das geht aus einer sechsseitigen Liste hervor, die zur Dokumentation von Flöttls Sammlertätigkeit erstellt wurde und dem STANDARD vorliegt.

Fünf Bilder blieben

Von den Bildern sind heute noch fünf vorhanden: Die Werke des Wiener Malers Franz Zadrazil, ihr Warenwert beträgt in Summe umgerechnet 90.000 Euro. Der Rest der Bilder wurde weiterverkauft.

Hintergrund für die Bildersuche: Flöttl, der US-Investmentbanker der Bawag, hat – nachdem 1998 die ersten Karibik-Verluste angefallen waren und der Bawag-Vorstand beschlossen hatte, Flöttl weiteres Geld nachzuwerfen, um die Verluste nicht öffentlich zu machen – der Bawag damals große Teile seines Vermögens überschrieben.

Liegenschaften in London, auf den Bahamas, seinen Privat-Jet (die Gulf-Stream wurde jetzt im Besitz von Hewlett-Packard gefunden), und eben seine Gemäldesammlung. Allerdings hat das die Bawag schon damals einiges gekostet. Flöttl, damals einer der großen jungen Sammler in den USA, hatte seine Bilder zum Teil auf Pump ersteigert. Die Bawag hat (um Flöttls und ihr eigenes Debakel zu kamouflieren) daher Flöttls Schulden, etwa die beim Auktionshaus Sotheby’s (154 Mio. Dollar) bezahlt.

Im Gegenzug wurde die Bawag Eigentümerin der Bilder, der Deal lief so: Anteile der Besitzgesellschaften, denen Flöttls Bilder gehörten, wurden der Bawag (genauer deren Privatstiftungen Treval und Bensor) übertragen.

Ab, ins Depot

Die Bilder selbst lieferte Flöttl in zwei Massensendungen am 19. November 1998 und am 10. März 1999, wie mit den Bawag-Chefs vereinbart, in einem Depot der MAT Securitas am Zürcher Flughafen Kloten ab. Für ihre Verwertung sollte – surprise, surprise – Flöttl sorgen. Zeichnungsberechtigt fürs Depot war der Bawag-Vorstand unter Helmut Elsner.

Das weitere Schicksal der Bilder lässt sich anhand der Gemäldeliste, in der auch An- und Verkaufsdatum durch Flöttl, Waren- und Schätzwert vermerkt sind, nachvollziehen – aber eben nur bis zum Zeitpunkt des Verkaufs, der sich von 1999 bis 2003 zog.

Das Problem, das die Bawag nun detektivisch lösen will: Sie hat insgesamt 190 Mio. Euro aus Flöttls Vermögensverwertungsaktionen bekommen. Die genauen Erlöse aus den Verkäufen und Auktionen, in denen die Bilder neue Eigentümer und Wände fanden, und die Zahlungsströme danach sind der Bawag als Ex-Eigentümer aber nicht nachvollziehbar. Daher geht es letztlich auch um die Frage, ob die Bank noch Ansprüche gegen Wolfgang Flöttl hat. Der Verbleib von ein paar der edlen Gemälde ist aber nachvollziehbar. So dürfte der "Grand Canal" des französischen Impressionisten Manet, den Flöttl im Juli 1993 erstanden hatte, heute bei der Provident Securities Company in San Francisco hängen.

Der "Traum" im Casino

Van Goghs "La Moisson en Provence" wechselte laut Versteigerungskatalogen zuletzt im November 2003 den Besitzer und gehört heute privaten Sammlern. Sollten die Bawag-Chefs Lust auf Abwechslung und einmal schöne Träume haben, dann müssen sie in die Wüste und ins Spielcasino gehen. Dort finden sie den "Traum", der Picassos Geliebte Marie-Therèse Walter zeigt und den Flöttl im November 1997 um rund 50 Mio. Dollar ersteigert hat.

Heute findet man den Picasso in der Rezeption des größten Gebäudes im Spielerparadies Las Vegas, im Wynn-Hotel. Die Betreiber hatten es um 42 Mio. Dollar ersteigert und in ihrer Galerie ausgestellt. Die musste mangels Besuchern aber zusperren. Jetzt hängt der "Traum", der einst der Gewerkschaftsbank gehört hat, in einer Rezeption. In einem Hotel für echte Spieler. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.7.2006)

  • Infografik: Flöttls edle Galerie
    grafik: standard

    Infografik: Flöttls edle Galerie

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