1600 Vorstellungsgespräche in Graz

20. Oktober 2006, 10:11
posten

Druck der Eltern oder Trunkenheit als Ausschlussgründe

Graz – Tobias kam mit dem Rucksack nach Graz. In seinem Hamburger Gymnasium hatte er beim Abi nur knapp die Durchschnittsnote von 2.0 geschafft. Zu wenig für ein Medizinstudium. "Da hätte schon eine eins vorne stehen müssen", bedauert Tobias Tiedke. Also schaute er sich nach einem anderen Studienort um. In Österreich, beim Numerus-Clausus-freien Nachbarn. Wien und Salzburg fielen aus. "Ich war gerade in Neuseeland und verpasste die Anmeldung für die Tests". Blieb also Graz, wo sich Freitag etwa 1600 Studentinnen und Studenten in spe am Klinikum zum Medizinstudium anmelden mussten.

Zur Disposition stehen 160 freie Studienplätze. Diese Vorstellungsgespräche, die 56 Uni-Angestellte anhand standardisierter Fragen abwickelten, sind ein Versuch, die Möglichkeit einer alternativen Auslese zu den Massentest auszuloten. Sollten sie sich bewähren, könnten im nächsten Jahr Auslesekriterien eingebaut werden, sagte die Leiterin der

Abteilung "Qualitätssicherung und Organisation der Lehre", Heide Neges, zum Standard. Gefragt wurde etwa nach den Beweggründen zu studieren, warum Graz als Studienort gewählt wurde, soziales Engagement wurde abgetestet wie auch die Fachrichtung. Am 1. September folgt der eigentliche Eignungstest. Ausgeschlossen zum Test werden nur "außergewöhnliche Fälle", sagt Heide Neges. Wenn etwa jemand bekundet, nur auf Druck der Eltern zu studieren oder wenn jemand betrunken komme.

Tobias wird sich jedenfalls Ende des Sommers wieder auf die lange Reise nach Graz machen: "Ich will unbedingt Kinderarzt werden. Außerdem sind die Österreicher so nett." (Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

Share if you care.