Spaß mit Angst

13. Juli 2006, 15:05
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Zum heiteren Aspekt des Fürchterlichen

In der britischen Kultserie Mit Schirm, Charme und Melone (The Avengers) gibt es eine Kultfolge mit dem Titel "The fear merchants", welche sich auf bemerkenswerte Weise mit dem Thema "Ängste" auseinandersetzt. Der Plot ist simpel: Eine Hand voll Bösewichte will die britische Keramikwirtschaft (!) sabotieren, indem sie die wichtigsten Firmenchefs dieser Branche außer Gefecht setzen.

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem eher skurrilen Unternehmen ist der Modus Operandi, die Art und Weise, wie die Verbrecher zuwege gehen. Sie ermitteln zunächst, als Unternehmensberatungsfirma getarnt, in detaillierter Kleinarbeit die tiefsten Ängste und schrecklichsten Phobien ihrer Opfer, um sie dann passgenau mit dem in den Wahnsinn zu treiben, wovor sich die Opfer am meisten fürchten. In derEingangsszene sehen wir einen Agoraphobiker, der im Pyjama auf einem Fußballplatz ausgesetzt wird, später folgt ein Arachnophobiker, der eine superfette Vogelspinne nach Haus geliefert bekommt usw., usf.

Der heitere Aspekt dieser Geschichte liegt in ihrer absurden Unwahrscheinlichkeit. Es ist ja nicht einzusehen, warum sich die Bösewichte ein derart kompliziertes Verfahren zur Beseitigung ihrer Opfer antun sollten, wo doch eine simple Revolverkugel oder eine Autobombe denselben Zweck erfüllen würde. Die augenscheinlich sinnlose Exzentrizität der verbrecherischen Vorgehensweise ist es, die uns amüsiert – doch "The fear merchants" ist eine amüsante Geschichte mit einem durchaus ernsten Hintergrund. Nicht erst seit Abu Ghraib wissen wir, dass in den Gefängnissen und Folterkellern dieser Welt sehr genau mit den kulturell oder individuell ausgeprägten Ängsten der Opfer (wie etwa denen vor Hunden oder vor Nacktheit) gequält und missbraucht wird.

Spaß mit Angst, Spaß gegen die Angst

Spaß mit Angst, Spaß gegen die Angst: Humor, vor allem der schwarze, ist eine durchaus praktikable Bewältigungsstrategie gegen Lebensängste. "Ich kam sehr früh ins Internat, zu Jesuiten, ins St. Ignatius College in London. Meine Familie war katholisch, in England ist das schon etwas Exzentrisches. Wahrscheinlich hat sich in dieser Zeit bei den Jesuiten mein Angstgefühl so stark entwickelt. Moralische Angst, die Angst, mit dem Bösen in Berührung zu kommen", hat Alfred Hitchcock in seinem berühmten Interview mit Francois Truffaut verraten. Hitchcocks Werk, im Grenzgebiet zwischen makaberem Scherz und tödlichem Ernst angesiedelt, lässt sich auch als Instrument einer lebenslangen Angstbewältigung verstehen, für die sich das Kino wahrscheinlich besonders gut eignet (Richard Bandler und John Grinder, die Erfinder des "Neurolinguistischen Programmierens" haben ein Therapieformat – "Fast Phobia Cure" – ersonnen, in dem Phobiker explizit dazu angeleitet werden, sich das Objekt ihrer Ängste so vorstellen, als säßen sie im Kino).

Spaß mit Angst kann man aber nicht nur als Filmregisseur haben, sondern auch immer dann, wenn es gelingt, das häufig eklatante Missverhältnis zwischen der überwältigenden negativen Emotion und der realen Bedrohung, die von dem gefürchteten Objekt ausgeht, zu thematisieren und zu überwinden. Das ist freilich leichter gesagt als getan: Wer wollte zum Beispiel ernsthaft annehmen, dass von einer Maus besondere Gefahren ausgehen? Und doch ist die Furcht vor der Maus alles andere als nur ein Witzklischee.

Phobienkatalog

Ein weiterer heiterer Aspekt des Fürchterlichen liegt schließlich darin begründet, dass in Wahrheit alles und jedes auf Gottes Erdboden zum Gegenstand von Furcht und Schrecken werden kann. Eine amüsante Folge davon ist, dass Psychiater und Psychologen die Welt im Lauf der Jahre mit einem Phobienkatalog eingedeckt haben, der an wundersamer wissenschaftlicher Überdrehtheit nichts zu wünschen übrig lässt. Auf seiner Website www.phobialist.com hat Fredd Culbertson eine schier endlose Liste von Phobien zusammengestellt, von denen in psychologischen und psychiatrischen Werken schon einmal die Rede war.

Neben banalen und weithin bekannten Phobien wie der Arachnophobie, der Klaustrophobie oder eben der Aviophobie gibt es dort noch entlegenere Ängste: Die Furcht vor der Schwerkraft heißt Barophobie, jene vor Niederländern Dutchophobie, die vor Ermüdung Kopophobie. Weitere Ängste, die von der Wissenschaft schon durchleuchtet wurden: Die Ephebiphobie (Furcht vor Teenagern), die Frigophobie (Furcht vor Kälte und kalten Gegenständen), die Logophobie (Furcht vor Wörtern), die Pentheraphobie, die Furcht vor der Schwiegermutter oder die Nephophobie (Furcht vor Wolken). (DER STANDARD Printausgabe, 08./09.07.2006)

Christoph Winder studierte Deutsch, Französisch und Rechtswissenschaften. Er ist seit 1989 beim STANDARD, seit 1994 im Ressort Außenpolitik

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www.phobialist.com
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