Flüchtlingsdramen überschatten Ministerkonferenz am Montag und Dienstag in Rabat - EU braucht Arbeitskräfte aus Afrika
Brüssel - Erstmals werden Europäer und Afrikaner am
kommenden Montag und Dienstag bei einer hochrangigen
Ministerkonferenz in der marokkanischen Hauptstadt Rabat über die
zunehmenden Flüchtlings- und Zuwandererströme in die EU beraten. Die
Konferenz gilt als wichtiges politisches Signal vor dem Hintergrund
aktueller Flüchtlingskrisen auf den Kanaren, der italienischen Insel
Lampedusa und auf Malta. Doch nicht nur die illegale Einwanderung
soll die Tagung beherrschen. Europa will auch mehr Fachkräfte aus
Afrika hereinholen, um den eigenen Bedarf am Arbeitsmarkt langfristig
abzudecken.
Eine Reihe von Ministern aus nord-, west- und zentralafrikanischen
Staaten wird an der Tagung teilnehmen, darunter aus Marokko,
Mauretanien, Mali, Niger, Nigeria, Kongo, Tunesien, Ägypten, Ghana,
Kap Verde, Elfenbeinküste (Cote d'Ivoire), Libyen und Benin. Neben
den für Außenbeziehungen und Inneres zuständigen EU-Kommissaren
Benita Ferrero-Waldner und Franco Frattini werden die Innen- und
Entwicklungsminister aus zahlreichen EU-Staaten nach Rabat kommen.
Österreich wird nach Angaben aus dem Außenamt durch Vizekanzler
Hubert Gorbach (B) und den Generalsekretär des Außenministeriums
Johannes Kyrle vertreten sein.
Spanien und Malta haben die EU um Hilfe bei der Bewältigung der
aktuellen Flüchtlings- und Migrantenströme aufgerufen. Die
EU-Grenzschutzagentur "Frontex" und eine Reihe von Mitgliedstaaten
haben Unterstützung bei Patrouillen auf hoher See angeboten. "Wir
wollen nicht so tun, als ob diese Konferenz die Frage der illegalen
Migration aus Afrika lösen wird", sagte am Freitag ein
EU-Kommissionsbeamter in Brüssel. Von der Tagung könne aber ein
politisches Signal ausgehen, wonach Europäer und Afrikaner in
Hinkunft bei der Migration enger zusammenarbeiten. So soll eine
politische Erklärung und ein Aktionsplan verabschiedet werden, die
neben der Migration auch Menschenrechtsfragen, Entwicklungshilfe und
Rücknahmeübereinkommen ansprechen sollen. Mit Marokko verhandelt die
EU bereits konkret über ein Abkommen zur Rückübernahme illegaler
Zuwanderer.
Nicht auf der Agenda steht die umstrittene Liste von sicheren
Staaten, in die Asylbewerber im Schnellverfahren aus der EU
zurückgeschickt werden können. Mehrere Kommissare hatten sich gegen
die Liste ausgesprochen, unter anderem wegen der in Mali und in
Senegal verbreiteten Genitalverstümmlung bei Frauen.
Europa brauche vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung
zusätzliche Einwanderung, heißt es in der EU-Kommission. Nach
Schätzungen von Experten werden bis 2030 88 Millionen Menschen auf
dem europäischen Arbeitsmarkt fehlen. 2007 will die Brüsseler Behörde
erste Gesetzesvorschläge für gemeinsame Einwanderungsbestimmungen
vorlegen. Bisher ist die Zuwanderung ausschließlich in der Kompetenz
der einzelnen EU-Staaten. Auch in Zukunft sollen die jeweiligen
Quoten national und nicht in Brüssel festgelegt werden, die
Kommission will aber gemeinsame Spielregeln für die Zuwanderung auf
den Weg bringen.
Nach Schätzungen in der EU-Kommission gibt es rund 25 Millionen
Arbeitsmigranten in Afrika. Während die qualifizierten Arbeitskräfte
aus Nordafrika heute vorwiegend in die USA abwandern, will Europa
Menschen aus Afrika mit hoher Schulbildung in Zukunft stärker
anziehen. Genau dies schafft aber in den Herkunftsländern große
Probleme, ist man sich in Brüssel bewusst. Denn die weitere
Abwanderung von qualifizierten Fachkräften würde zahlreiche
afrikanische Länder überfordern. So gebe es heute in Manchester mehr
Ärzte aus Malawi als in dem südostafrikanischen Land selbst, sagte
ein Kommissionsbeamter. (APA)