Londoner Anschläge brachten Europas Terrorexperten aus dem Konzept

22. Juli 2006, 18:04
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"Spiegel Online": Radikalisierung dritter Generation junger Islamisten total unterschätzt

Wien/Hamburg - Die Anschläge von London am 7. Juli des Vorjahres hätten Terrorexperten in ganz Europa aus dem Konzept gebracht, "denn Täter dieser Art waren nicht vorgesehen", schreibt "Spiegel Online" am Freitag. Nun habe eine "dritte Generation" in Europa, in ihrer vermeintlichen Heimat, zugeschlagen: junge Islamisten, deren Radikalisierung total unterschätzt worden sei.

"Mit diesem Ereignis wurde der islamistische Terrorismus zu einem internen Problem Europas", zitiert das Online-Magazin den Berliner Terror-Experte Guido Steinberg. Denn London habe bestätigt, was der Mord an Theo van Gogh in den Niederlanden ein halbes Jahr zuvor bereits angedeutet habe: Dass Attentäter der neuesten Generation sich aus den Immigranten-Communities im Westen rekrutieren könnten.

Wiederholungsgefahr sei nicht gebannt

"Auch wenn sich seit dem Anschlag von London ein ähnlicher Akt im Westen nicht wiederholt hat: Das Menetekel steht seither an der Wand. Kein Experte, kein Verfassungsschützer, kein Geheimdienstler sieht die Wiederholungsgefahr gebannt", analysiert "Spiegel Online"-Autor Yassin Musharbash.

Mehrere Faktoren machen nach Expertenansicht einige der "angry young muslims" im Westen für Al-Kaidas (al-Qaedas) Ideologie anfällig: ein Mangel an Zugehörigkeitsgefühl in ihren Aufnahmegesellschaften; allgemeine Perspektivlosigkeit und mangelnde Aufstiegschancen. Wut über Kriege, die sie als Angriff auf die islamische Welt verstehen, schließlich ein umfassendes Gefühl der Entwürdigung und Demütigung, auch in Folge der Berichterstattung und Behandlung seit dem 11. September 2001.

Westliches Produkt

Der französische Islamismusforscher Olivier Roy konstatiert bei den Al-Kaida-Sympathisanten, sie seien im Westen "cultural outcasts". Auf der Suche nach einem Selbstbild gingen sie weit über das kulturell-religiöse Erbe ihrer Eltern hinaus. Roy begreift sie deshalb als westliches Produkt: "Ihr Hintergrund hat nichts mit den Konflikten des Nahen Ostens zu tun."

Auch Steinberg warnt, Begründungen wie den Irakkrieg allzu ernst zu nehmen: "Er war bisher immer nur ein Motiv unter mehreren, und es ist nicht gesichert, dass eine Lösung der Konflikte im Irak ein Ende der Anschläge in Europa herbeiführen würde." Die Moslems in der europäischen Diaspora erwiesen sich "als empfänglicher für die internationalistische Ideologie Al-Kaidas , weil sie sich bereits von ihrem Heimatland gelöst haben". (APA)

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