Die abgelichtete Witwe

7. Juli 2006, 19:42
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Fotografie von Constanze Mozart in Altötting "gefunden": Fundstück stammt aus frühester Phase der Daguerreotypie - Musikwissenschafter relativiert Bedeutung

Altötting - Ein rares Dokument wird derzeit im bayerischen Altötting präsentiert: ein als einzige Fotografie der Mozart-Witwe Constanze geltendes Gruppenbild rund um die Familie von Max Keller. Der Altöttinger Komponist und Kapellmeister war Schüler von Michael Haydn und hatte Constanzes zweiten Ehemann Georg Nikolaus Nissen bei dessen Mozart-Biografie unterstützt. Es wird angenommen, dass das Bild im Oktober 1840 im Rahmen einer Feier zu Kellers 70. Geburtstag entstand.

Constanze war damals 78 Jahre alt und lebte danach nur noch anderthalb Jahre. Die originale Daguerreotypie - diese Vorform der Fotografie gab es damals erst ein Jahr - ist verschollen; die Reproduktion, auf deren Rückseite die Namen der abgebildeten Personen handschriftlich vermerkt sind, stammt aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Stadtverwaltung Altötting macht eine Reihe von Indizien geltend, dass es sich ganz links auf dem Bild tatsächlich um Constanze handelt: von der freundschaftlichen Beziehung zu Keller bis zu physiognomischen Merkmalen, die vom Bundeskriminalamt München mit Gemälden verglichen wurden, einschließlich einer "Gichthand"der an Arthritis leidenden Komponistenwitwe. Der große Fund, als der das Bild anfangs dargestellt wurde, ist es allerdings nicht: Es wurde erstmals bereits 1958 in der Österreichischen Musikzeitschrift publiziert und war wohl nur in Altötting in Vergessenheit geraten. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.7.2006)

Wissen

1839 wurde die erste Daguerreotypie öffentlich präsentiert und gilt als offizielles Geburtsjahr der Fotografie. Die von Louis Jacques Mandé Daguerre entwickelte Technik liefert Unikate auf einer Metallplatte: Eine versilberte Kupferplatte wird zunächst mit Jod bedampft.

Die lichtempfindliche Jodsilberschicht reduziert sich bei Lichteinfall zu Silber und wird mittels Quecksilberdämpfen entwickelt. Beim Fixieren wird das nicht belichtete Jodsilber weggewaschen: Es entsteht ein milchigweißes negatives Bild, das als positives - aber seitenverkehrtes - Bild sichtbar wird, wenn sich im Silber ein dunkler Hintergrund spiegelt.

Daguerreotypien besitzen große Feinheit und ungemeine Schärfe, sind aber sehr heikel: Ihre nicht wischfeste Oberfläche muss durch Glas geschützt werden und es sind keinerlei Abzüge möglich. (kafe/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2005)

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Stichwort: Daguerreotypie
  • Rund ein Jahr vor ihrem Tod soll Constanze Mozart (links vorne) 1840 auf einer der ersten Daguerrotypien im bayerischen Altötting abgelichtet worden sein. Vermutlich.
    foto: altötting

    Rund ein Jahr vor ihrem Tod soll Constanze Mozart (links vorne) 1840 auf einer der ersten Daguerrotypien im bayerischen Altötting abgelichtet worden sein. Vermutlich.

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