Wissensquellen sprudeln anderswo

6. Juli 2006, 21:22
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Kluge Unternehmen mauern nicht mit Patenten das eigene Wissen ein, sind sich Innoavtionsexperten sicher

Kluge Unternehmen mauern nicht mit Patenten das eigene Wissen ein. Innovationsexperten von Harvard und der Wiener WU kommen zu dem Schluss, dass der offene Zugang auch für sachfremde Nutzer und Forscher oft von bestem Nutzen für alle ist.


Wien - Nachdem die Firma Lego in den Neunzigerjahren einen Roboter für Kinder auf den Markt gebracht hatte, geschah etwas Unerwartetes. Das Spielzeug zog vor allem die Eltern an. Viele waren mit der Software unzufrieden und arbeiteten an Verbesserungen - der intelligente Blecharbeiter wurde zu einem Kultgerät für Erwachsene. Lego zog daraus die Konsequenz und nutzte die Energie der neuen Zielgruppe, um mit ihr gemeinsam weitere Modelle zu entwickeln.

"Wir haben hier", sagt Karim R. Lakhani, "einen typischen Fall von Innovation, die von außen kommt, von so genannten 'lead users', frühen Anwendern einer Technik oder eines Produkts."Lakhani, Professor an der Abteilung Technology and Operations Management der Harvard Business School, untersucht die Prozesse, die Erneuerungen und profitable Entwicklungen vorantreiben, und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

"Lange hat man geglaubt, dass das geistige Eigentum an Wissen, in Form von möglichst vielen Patenten, die Innovationsfreudigkeit und zugleich die Profitabilität von Unternehmen widerspiegelt. Doch abgesehen vom Pharma- und vom Chemie-Sektor stimmt das nicht."Ein guter Gradmesser sei vielmehr gerade der freie Austausch an Wissen quer durch eine Branche und mit Außenseitern.

Lakhani ist vom Institut für Entrepreneurship und Innovation der Wiener WU zu einem einwöchigen Forschungs- und Unterrichtsaufenthalt eingeladen worden. Institutschef Nikolaus Franke betont, dass das Phänomen von Kooperation (statt Abschottung) zu beiderseitigem Nutzen nicht neu sei und sich in psychologischen und biologischen Bereichen ebenso zeige wie in Wirtschaft und Wissenschaft. "Neu ist, dass durch die moderne Vernetzung diese innovative Kraft viel größer und billiger geworden ist."

Lakhani zitiert das von ihm untersuchte Unternehmen Innocentive als Beispiel. Der Spin-off eines Pharmakonzerns vermittelt Probleme, die von Unternehmen oder Instituten vergeblich bearbeitet worden sind, per Internet an Problemlöser. Bis zu 90.000 "Solvers" können theoretisch diese weltweiten Open-Source-Möglichkeit wahrnehmen. Im Schnitt tun es immerhin 200, und rund zehn bieten tatsächlich Lösungen an. Aus Jux und Freude an der Sache? Wohl auch deswegen, sagen Franke und Lakhani, andere würden es für die in Aussicht gestellten Prämien tun. Für die Fragesteller lohnt es sich in jedem Fall. "Von Lead-Usern geschaffene neue Produkte ergeben bis zu achtmal so hohen Umsatz wie intern entwickelte", weiß Lakhani vom 3M-Konzern zu berichten.

Patente freigeben

Die "User Innovation Research Initiative"an der WU sieht der Gast aus Harvard als einen wichtigen Transmissionsriemen zwischen akademischem und praktischem Wissen. Sie hat Unternehmen wie Siemens, OMV und Palfinger bei dem kooperativen Fischen nach Wissen beraten.

Wie der Sun-Microsystems-Begründer Bill Joy es formuliert hat: "Egal welches Unternehmen du bist, die meisten deiner Top-Ingenieure arbeiten für jemanden anderen."Das kann man mehrfach und auch zum eigenen Nutzen deuten. Statt die Mauern höher zu ziehen, möge man das Potenzial der anderen im nicht kompetitiven Bereich nutzen - so der Rat des MIT-Professors Eric van Hippel, Lehrer von Lakhani und von Franke. Wissen sei zwar klebrig, zitieren ihn die beiden, doch das Internet habe den Transport immens erleichtert.

Vorausschauende Unternehmen können mit dem Open-Source-Gedanken etwas anfangen. IBM, so Karim Lakhani, ist der größte Patenthalter weltweit. Zugleich trägt der Konzern am meisten zum Sprudeln der offenen Quellen bei, macht Patentanwendungen zugänglich - und macht Profit, indem er die so entstandenen neuen Lösungen mit Zusatzservices oder Hardware ausstattet. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7. 2006)

  • Wissen klebt, hat ihr Lehrer auf MIT gesagt, aber das Internet erleichtert den Transport. Nikolaus Franke (links) und Karim R. Lakhani untersuchen die Wege innovativer Einsichten von Außenseitern und kooperativen Forschern.
    foto: standard/corn

    Wissen klebt, hat ihr Lehrer auf MIT gesagt, aber das Internet erleichtert den Transport. Nikolaus Franke (links) und Karim R. Lakhani untersuchen die Wege innovativer Einsichten von Außenseitern und kooperativen Forschern.

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