"Es sich besser gehen lassen ohne Freud"

6. Juli 2006, 20:55
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Ein kleiner Rückblick auf die aktuelle Psychoanalyse-Kontroverse in Frankreich

"La guerre des psys", einen "Krieg" der Psychiater/Psychoanalytiker/ Psychologen nennen sie die Medien gerne: die Auseinandersetzung zwischen Analytikern und Vertretern der kognitiven und Verhaltenstherapien ("thérapies cognitivo-comportementales", TCC), die in Frankreich seit Jahren auf der Tagesordnung steht. Bei dem erbittert geführten Streit geht es um theoretische Fragen und die Wirksamkeit unterschiedlicher Theoriekonzepte ebenso wie um die Positionierung in einem Land, welches zu den letzten nationalen Bastionen der Psychoanalyse zählt.

Einen Höhepunkt erreichte die Debatte im Herbst 2005, als eine Wissenschaftergruppe unter Leitung der Verlegerin Catherine Meyer ein dickleibiges Schwarzbuch Psychoanalyse (Verlag Les Arènes) publizierte, in dem an Freud, seiner Methode und seinen Schülern kein gutes Haar gelassen wird (Buch-Untertitel: "Besser leben, besser denken und es sich besser gehen lassen ohne Freud"). Drei Dutzend Autoren, viele davon "abgesprungene" Psychoanalytiker, üben detailfreudig Kritik an Freud, der als Lügner, Manipulant und "Nulltheoretiker" bezeichnet wird.

Auch die Methode wird heftig attackiert. Die Patientin Annie Gruyer erzählt, dass sie sich bei ihrer Analyse wie durch ein endloses Therapielabyrinth getrieben fühlte, aus dem sie erst mit TCC einen Ausweg fand: "Die verhaltenstherapeutischen und kognitiven Methoden sind viel bescheidener und vor allem wirksamer." Die psychoanalytische Gilde reagierte mit Indignation und Empörung. Elisabeth Roudinesco, eine der Gralshüterinnen des Freudianismus in Frankreich, nannte das Schwarzbuch einen "in vulgärer Sprache" geschriebenen Reißer, mit dem "einer Disziplin und ihren Vertretern in einer Krisensituation absichtlich Schaden zugefügt werden soll". Roudinesco formulierte auch den zentralen gesellschaftspolitischen Vorwurf der Analytiker an die TCC-Vertreter, dass diese nämlich "Dressurakte" an ihren Patienten vornähmen, um sie zu angepassten Systemerhaltern zu machen - ein Vorwurf, der auch in einem Anfang März erschienenen Anti-Schwarzbuch Psychoanalyse wiederkehrt (Hg. Ja¸cques-Alain Miller, Seuil).

Diesen Vorwurf wollen sich nun ihrerseits die TCC-Vertreter nicht gefallen lassen wollen: Für sie war Freud selbst einer der größten Konditionierungsmeister, der seine Patienten nicht frei gemacht, sondern suggestiv in sein persönliches Psycho-Universum gelockt hat. (win/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7. 2006)

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