Der Po wird zum Rinnsal

9. Juli 2006, 18:46
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Italiens größter Strom trocknet immer mehr aus - Die Schifffahrt ist eingestellt, die Bauern fürchten um ihre Ernte

Rom - Enzo Catozzo ist mit dem Po aufgewachsen. Seit Jahrzehnten kontrolliert der 82-Jährige täglich den Pegelstand des Flusses. Um den Wasserstand in Pontelagoscuro vor dem Po-Delta abzulesen, muss sich Catozzo derzeit weit über das Geländer beugen. 7,20 Meter unter dem Normalpegel fließt das träge Wasser dahin.

"Den dramatischen Rekord vom Juli 2003 haben wir schon im Juni erreicht", versichert Luigi Maccabelli von der Wasseraufsichtsbehörde. "Wenn es nicht bald ausgiebig regnet, wird es ein bitterer Sommer."

Italiens größter Strom ist zu ein paar Rinnsalen zwischen ausgedehnten Sandbänken verkommen. Die Boote liegen im Trockenen, die Schifffahrt ist eingestellt.

Die Kraftwerke am Fluss produzieren kaum noch Strom. "Wir verlieren eine Million Kilowattstunden täglich", klagt der Energiekonzern Enel. Aus den Pumpwerken, die die Bewässerungskanäle der Po-Ebene mit Wasser füllen, fließt nur ein armdicker Strahl.

Auf 120 Millionen Euro schätzt der Bauernverband "Coldiretti"den bisherigen Schaden. Bei der Maisernte wird bereits mit Einbußen von 40 Prozent gerechnet, bei Reis und Getreide mit einem Drittel - falls es bald regnet.

Problem Salzwasser

Im Po-Delta dringt das Salzwasser aus der Adria immer tiefer ins Landesinnere. Mindestens 330 Kubikmeter Wasser pro Sekunde sind nötig, um das Salz abzuhalten. "Jetzt sind es 100 Kubikmeter zu wenig", sagt der Agrarexperte Giancarlo Chinaglia. Das Salzwasser bewegt sich unter dem Sand immer weiter flussaufwärts, dringt in Tiefbrunnen und Beregnungspumpen ein. "Um den Reis zu vernichten, genügen schon ein bis zwei Gramm Salz pro Liter", versichert Chinaglia.

Die Bauernverbände appellieren jetzt an die Energiekonzerne, mehr Wasser aus den Stauseen der Alpen abfließen zu lassen. Allein in der Region Emilia-Romagna werden 70 Prozent aller Agrarflächen aus dem Po bewässert. Der Landesrat für Landwirtschaft, Lino Zanicchelli, lakonisch: "Spätestens jetzt haben alle begriffen, das Wasser ein begrenztes Gut ist." (Gerhard Mumelter, DER STANDARD - Printausgabe, 7. Juli 2006)

  • Zerklüftete Sandbänke, extrem niedriger Wasserstand -Der Po ist ausgetrocknet wie seit Jahren nicht mehr.
    foto: epa/pierpaolo ferreri

    Zerklüftete Sandbänke, extrem niedriger Wasserstand -Der Po ist ausgetrocknet wie seit Jahren nicht mehr.

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