Unterm Schotterberg

6. Juli 2006, 19:52
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Die Welt der Werbung stellt die Fantasie­welten der Helden dar wie Hinterhöfe der Dritten Welt

Die schöne neue Welt der Firma Nike liegt im Schatten. 13 Millionen Euro zahlt der Sportartikelhersteller Brasiliens Fußballverband pro Jahr. Zusätzlich wurden Ronaldinho und Kollegen mit Irrsinnsaufwand vor der WM als die schönen neuen Prinzen an allen Höfen ausgelobt. Die Welt der Werbung stellt die Fantasiewelten der Helden dar wie Hinterhöfe der Dritten Welt, tibetische Bergdörfer und Street-Soccer-Arenen zwischen Schnellstraßenstelzen: Fußball ist authentisch, pur, arm, cool, ein Ding der Straße, das den Unterdrückten bei der Eroberung der Welt hilft.

Vielleicht stellt die Großschusterei Nike Brasiliens Team nicht direkt auf, aber wie groß ist die Wahlfreiheit eines Trainers, wenn ihm schon vor der WM die Sieger suggeriert werden? Wie schwer wiegt die auch Trainer Parreira bekannte Tatsache, dass nicht nur Ronaldo, sondern auch Ronaldinho, Roberto Carlos, Cafu und andere müde waren? Wer entschied, dass Brasilien vor der WM einen Zirkus statt eines Trainingslagers abhielt?

Nie verstummten Gerüchten zufolge soll im Finale 1998 (0:3 gegen Frankreich) Brasiliens neuer Sponsor Nike die Mitwirkung des Phänomens Ronaldo erzwungen haben. Ronaldo kollabierte angeblich am Tag zuvor. 2002 spielten Ronaldo und Kollegen auch nicht gerade begeisternd, aber sie waren frisch genug, und wer weiß, was passiert wäre, hätte im Finale nicht Oliver Kahn grauslich gepatzt? Erstickt Nikes Geldwelle Brasiliens Fantasie? Dann würde das Unternehmen doch gegen seine Interessen handeln. Kann sein, aber Vernunft und Konzernpolitik sind nur im Märchenland Brüder. Weltmeister wird nicht der mit dem geilsten Logo, sondern der mit der härtesten Geilheit. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 7. Juli 2006, Johann Skocek)

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