Revanche für Córdoba

6. Juli 2006, 20:10
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Die WM findet vor allem im Fernsehen statt, dort spielt sogar eine öster­reichische Auswahl mit - Wobei Prohaska gegen Netzer fast so chancenlos ist wie der ORF gegen die ARD

Wien - Früher waren beide Spielmacher, beide im Mittelfeld. Das verlangte Übersicht, Instinkt und die Qualität, ein Spiel dirigieren und eventuell auch entscheiden zu können: Günter "der Scheitel"Netzer und Herbert "Schneckerl"Prohaska. Heute analysieren sie Fußballspiele im Fernsehen. Netzer in der ARD, Prohaska im ORF. Ihre Betrachtungen sind so unterschiedlich wie ihre Frisuren. Auf das Spiel umgelegt bedeutet das: eins zu null für Netzer.

Herbert Prohaska 0 - Günter Netzer 2

Schließlich ist die Kunst der Analyse auch die der Pointe. Zumindest im Fernsehen. Wer das Ergebnis einer Untersuchung nicht eloquent und verständlich auf den Punkt bringt, wirkt im Zeitalter der komprimierten Information schnell daneben. Während Prohaska - dem früheren Wildwuchs seiner Wolle heute noch entsprechend - mit vielen Wörtern, die oft zu Sätzen ohne Ende oder Sinn wuchern, versucht, ein eben betrachtetes Spiel zu erläutern, spricht Netzer Klartext - sieht man einmal von jenen "Ähs"ab, mit denen er inflationär seine Denkpausen überbrückt.

Trotzdem: Netzer ist der kalte Vollstrecker seiner Meinung: Der Schiedsrichter ist ein Idiot, die Taktik Blödsinn, die Verteidigung lahm. Derlei Kritik - auch die positive - kommt ihm ohne mit der Wimper zu zucken über die Lippen, ja er kann sie sogar argumentieren. Prohaskas Urteile sind dagegen ein Streichelzoo. Schuld an dessen nicht selten zur Standpunktlosigkeit verkommenden Unverbindlichkeiten ohne faktischen Informationswert haben vor allem die Moderatoren. Prohaska wird nicht gefordert. Die Qualität seiner Analysen entspricht dem Moderationsniveau. Und dieses bildet das Niveau des Fußballs hier zu Lande ab, ist also fantasielos, unterdurchschnittlich und selbstgefällig. Siehe auch: Austro-Pop.

Wie bei alten Ehepaaren, bei denen jede Wortmeldung nur noch eine Bestätigung von ohnehin bereits bekanntem ist, wird jedes Welt-Match an die Bassena getragen und gemeinsam zerredet. Nicht so in der ARD: Gerhard Delling, der Moderator an Netzers Seite, entspricht im Unterschied zu den ORF-Leuten seinem Jobprofil und legt Netzer auf: Mit guten Fragen, mit blöden Sticheleien, die Netzer gerne erwidert und so manche Wuchtel versenkt. Damit gelten Delling und Netzer als Jack Lemmon und Walter Matthau der deutschen Sportberichterstattung.

Prohaska könnte das auch. Am Fachverstand mangelt es ihm ebenso wenig wie am Schmäh. Der Mann ist schließlich Wiener. Das ist gleichzeitig das Problem: Wozu anstrengen, wenn man sich auch durchwursteln kann. Endstand: zwei zu null für Netzer. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 7. Juli 2006, Karl Fluch)

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    Herbert Prohaska trägt einen Schnauzbart, Günter Netzer hat dafür eine schicke Frisur. Dieses Duell endet 0:0.

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