Kommentar: Plumpes Spiel

21. Juli 2006, 09:51
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Dass nach der Schlammschlacht um Goldmann ein gesichtswahrender Rückzug möglich war, grenzt an ein Wunder

Die Kurve war sehr, sehr eng und die Fliehkräfte waren extrem stark. Sie doch noch zu nehmen, das ist der ÖBB-Führung in der sprichwörtlich letzten Sekunde gelungen. Eine Drehung weiter, und nicht nur ÖBB-Personenverkehr-Vorstand Wilhelmine Goldmann wäre aus der Bahn geflogen, sondern mit ihr vermutlich auch einige andere Führungskräfte.

Sie alle sollten jetzt ordentlich durchatmen, (mindestens) einen Gang zurückschalten - und in den Spiegel schauen. Wohl ausnahmslos alle haben Schrammen, Kratzer und Beulen. Die Gesichter sind aber noch ganz, haben das Unglücksrennen am Sitz der ÖBB heil überstanden. Dass nach der Schlammschlacht um die Förderung des Vereins Opernwerkstatt - und in eine solche ist die versuchte Entlassung Goldmanns ausgeartet - überhaupt ein gesichtswahrender Rückzug möglich war, grenzt ohnehin an ein Wunder. Zu tief geflogen sind die "Hackeln", zu persönlich und unter der Gürtellinie die Vorwürfe, die die Akteure einander machten.

Ob das offenkundig völlig gestörte Verhältnis zwischen der ÖBB-Dachgesellschaft und ihren zahlreichen Töchtern je wieder gekittet werden kann, bleibt abzuwarten.

Lehren aus der Affäre

Es gibt aber einige Lehren, die unabhängig von den Personen und der politischen Farbenlehre zu ziehen sind: Wenn man einen (unangenehmen) Mitarbeiter loswerden will, sollte man ihm das erstens sagen und zweitens bei der Trennung wenigstens die Würde der betroffenen Person wahren. Dass die rechtlichen Erfordernisse einzuhalten sind, versteht sich insbesondere bei einem Staatsbetrieb von selbst.

So plumpe Intrigen zu spinnen wie bei der ÖBB, die selbst unbedarfte Beobachter auf den ersten Blick durchschauen, wie dies bei Goldmann der Fall war, ist schlichtweg das Letzte. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD Printausgabe, 07.07.2006)

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