Ein Taktiker, aber kein Taktierer

6. Juli 2006, 19:00
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Raymond Domenech coachte die Équipe Tricolore bis ins WM-Finale - Kopf des Tages

Er gilt als wortgewandt und schlagfertig, er steht im Ruf einer durchaus reichlichen Intelligenz, die er mit einem solchen Humor zu verquicken weiß, dass einige in ihm einen Ironiker sehen, ja einen Sarkasten, der mit hintergründiger Süffisanz zu spotten pflegt, wenn er zu spotten beliebt. Also kurz und gut: Raymond Domenech ist - aus den eben dargelegten Gründen - kein Liebling der Medien.

Und das wird er wohl auch nicht mehr werden. Zu sehr scheint er nun zu genießen, dass Frankreichs Medien-Öffentlichkeit nach dem Halbfinal-Einzug ihr Domenech-Bild (unfähig, die neue Generation zu integrieren; sturer Defensivtaktiker; unwirscher Fragenbeantworter; etc.) mit der Feile der Wirklichkeit zuschleifen muss. Immerhin ist es Raymond Domenech gewesen, der mit dem 1:0 über Portugal und dem damit erreichten Finaleinzug die Champs Elysées gefüllt hat.

Zuletzt hat sogar Jean-Marie Le Pen, der französische Schnittlauch auf allen sauer gewordenen Suppen, geglaubt, auf dem Feuer der miesen Stimmung das seine kochen zu können. Zu wenig Patriotismus im Team, konstatierte er, viel zu wenig Sangesfreude bei der Hymne, was wunder bei so viel dunkler Hautfarbe. Domenech kleidete sein "ta gueule"zwar in wohlgesetzte Worte ("alle sind stolz auf Frankreich, ob sie nun die Hymne singen oder nicht"), aber sein Minenspiel ließ keinen Zweifel offen. Immerhin ist Domenech ausgebildeter Mime. Und auch darauf musste Frankreich erst nach und nach kommen: dass man dem Nationalcoach ins Gesicht schauen muss, wenn er redet.

Raymond Domenech ist 1952 in Lyon zur Welt gekommen. Sein Vater war nach dem Fall von Barcelona 1939 vor Franco hierher geflohen. Ein Umstand, der auch den Sohn zum "Linken"formte - und zwar nicht nur auf dem Platz, wo er den linken Außenverteidiger gab bei Lyon, Straßburg, Saint-Germain und Bordeaux - und ihn jedenfalls mit einer Allergie gegen alles Le-Pen'sche ausstattete.

Seit 1984 ist er Trainer, über Mulhouse und Lyon kam er 1993 zum Verband, wo er die Nachwuchsmannschaften betreute, jene Kicker, die ihn jetzt ins Finale brachten, und für die er seit 2004 auch amtlich zuständig ist.

"Ich bin kein Taktierer", sagt er von sich. Aber Raymond Domenech ist ein großer Taktiker, der auch den schon welk wirkenen Zidane wieder zum Blühen gebracht hat. "Er ist eben Zidane", sagt er achselzuckend, während er seine Freunde, die Journalisten, mit Philosophischem quält. "Fußball ist wie Theater. Da werden auch nicht die Proben kritisiert."Oder nein: "Fußball ist wie das Leben. Da weiß man auch nicht, wann das letzte Match kommt."Jetzt weiß der Reporter das in Bezug auf Zidane. Und alle anderen auch, denn: "Die Uraufführung ist am 9. Juli in Berlin." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 7. Juli 2006, Kommentar)

Wolfgang Weisgram
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