Gerichtsgeschichte: Erotischer Griff in die Zukunft

9. Juli 2006, 18:37
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Es gab da nur ein kleines technisches Problem, welches Jana zwang, für ihre Wahrsagungen einen intimeren Rahmen zu wählen

Wien – Jana hat übersinnliche Fähigkeiten, die sie originell und einträglich mit ihren sinnlichen zu kombinieren versteht. Davon erzählt ein der Witterung angepasster Betrugsprozess.

"Hübsche Person", murmelt die Richterin. "Absolut", schwärmt der Verteidiger. Sein verwegenes Augenzwinkern soll andeuten, dass er sie besser kennt. Der Staatsanwalt schmunzelt. Der 26jährigen gebürtigen Polin ist ziemlich egal, wie man über sie denkt. Sie weiß es ohnehin. Sie ist Hellseherin. Sie legt sogar ein Diplom aus Krakau vor. Leider ist die Kopie schlecht, man kann kein Wort lesen, noch dazu auf polnisch.

"Ich konnte schon als Kind in die Zukunft blicken", berichtet sie. Ihre Spezialitäten: Lottogewinne, Hochzeiten, berufliche Aufstiege. Schwächer ist sie bei Krankheiten und Todesfällen. Sie sieht die Dinge lieber positiv (voraus). Ihre Kunden lernte sie vorzugsweise in Nobelbars und Nachtklubs kennen. Dort stand Männern erfahrungsgemäß stets eine besonders rosige Zukunft bevor, wovon ihnen Jana gerne ausführlich erzählte.

Es gab da nur ein kleines technisches Problem, welches Jana zwang, für ihre Wahrsagungen einen intimeren Rahmen, etwa ein Hotelzimmer, zu wählen. "Es funktioniert nur, wenn man mich hier berührt", sagt die Beschuldigte. Um das "hier" zu zeigen, schickt sie sich an, weitere Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen. "Danke, das genügt für den Akt", stoppt sie die Richterin (zur Enttäuschung des Anwalts). Man muss Jana also an der Brust berühren, damit sie in die Zukunft des jeweiligen Berührers blicken kann. "An der Brust oder an den Brüsten?" fragt der ambitionierte Staatsanwalt. "Ich glaube, es genügt, meine Herren", mahnt die Richterin.

Der Brustfaktor trieb jedenfalls den Preis für Janas spirituelle Leistung sprunghaft in die Höhe. Drei Minuten in die Zukunft greifen – 1000 bis 3000 Euro. Ihr (vorerst) letzter Kunde wollte mit ihr freilich noch länger in der Gegenwart verweilen. Da sie sich weigerte, zeigte er sie wegen Betruges an. Daraufhin meldeten sich weitere sieben Opfer. "Die haben genau gewusst, was gespielt wird", sagt der Anwalt. Zur Verhandlung erscheint keiner von ihnen. Jana wird freigesprochen. Sie arbeitet jetzt in einem Sonnenstudio. (Daniel Glattauer, DER STANDARD - Printausgabe, 7. Juli 2006)

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