Ehekrach im Hause Wotan

13. Juli 2006, 18:57
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Koproduktion mit Salzburg: Geglückte Neuproduktion von Richard Wagners "Rheingold" in Aix-en-Provence

Das Festival von Aix-en-Provence startete mit einer geglückten Neuproduktion von Richard Wagners "Rheingold" in der Regie von Stéphane Braunschweig. Am Pult der Koproduktion mit Salzburg: Sir Simon Rattle.


Ein Glücksfall für den scheidenden Intendanten Stéphane Lissner: Mit seinem Opern-Auftakt erlebte das diesjährige Festival von Aix-en-Provence bereits eine erste Sternstunde. Stéphane Braunschweig, der 42-jährige Leiter des Straßburger Staatstheaters, interpretiert Richard Wagners Rheingold, das Vorspiel zum Ring des Nibelungen, aus einem psychoanalytischen Blickwinkel. Die zentrale Gestalt dieser in zeitgenössische Kostüme gekleideten Aufführung ist Göttervater Wotan (Sir Williard White), der die totale Macht beansprucht, ohne auf die Liebe oder die ewige Jugend verzichten zu wollen.

Braunschweigs analytische Logik zeigt einen ziemlich charakterschwachen, sehr menschlichen Wotan, keinen über den Gesetzen und Göttern stehenden Übervater. Als sein eigener Bühnenbildner stellt der Regisseur drei hohe, graue Mauern auf, die nur durch ein Fenster aufgelockert sind. Videoprojektionen erzeugen das jeweilige Ambiente, bringen Farben und Bewegung auf die Bühne.

Gelungen ist zumal die erste Szene, wo Wotan wie ein Luxus-Obdachloser im hellgrauen Sommeranzug auf drei Sesseln liegend schläft, während die Rheintöchter in einer Wasser-Video-Projektion in weißen Kleidern verspielt tänzeln, untertauchen und sich über den Nibelungen-Zwerg Alberich (Dale Duesing) lustig machen. Der aber stiehlt ihnen das Gold, das die Macht über die Welt verleiht.

Auf diese leichte und beschwingte Szene folgt die ernste eheliche Auseinandersetzung zwischen Wotan und seiner großbürgerlichen Ehefrau Fricka (Lilli Paasikivi). Diese möchte vermeiden, dass die Riesen Fafner (Alfred Reiter) und Fasolt (Evgeny Nikitin, im Bankerlook), die den Göttern Walhalla erbauten, als Lohn ihre Schwester Freia (Mireille Delunsch) erhalten, weil diese den Göttern die ewige Jugend garantiert.

Genüsslich zelebriert

Braunschweigs szenische Lösungen sind einfach und effizient. Die Achillesferse dieser Produktion ist die Musterschüler-Ambition, jedes musikalische Motiv mit dem Auftritt der entsprechenden Person in Einklang zu bringen. Dafür ist dieses Rheingold musikalisch und szenisch bemerkenswert gut aufeinander abgestimmt. Sir Simon Rattle schwingt den Taktstock für die unter dem Aixer Sternenhimmel besonders wohl klingenden Berliner Philharmoniker. Rattle und seine Musiker kosten jede Note und jedes Motiv aus. Genüsslich, sogar stellenweise zu langsam, zelebriert jedes Instrument die Partitur – sodass die Aufführung zweidreiviertel Stunden dauert – wovon man sich im kommenden Jahr auch in Österreich überzeugen wird können, entstand die Neuproduktion im Aixer Erzbischofspalast doch als Koproduktion mit den Salzburger Osterfestspielen 2007. Sämtliche Premieren von Wagners Tetralogie sind bis 2009/10 in Aix und anschließend in Salzburg geplant.

Das 58. Aixer Festival wird zum letzten Mal von Stéphane Lissner geleitet, weil der sich in Zukunft auf seine Aufgaben bei den Wiener Festwochen und an der Mailänder Scala konzentrieren möchte.

Seit 1998 hat Lissner sein für Aix entwickeltes Konzept durchgezogen und das Festival auf ein international beachtetes Niveau gehoben.

Höchstpreis-Politik

Dabei praktizierte er eine umstrittene Höchsteintrittspreis-Politik für die Opernproduktionen, die selten sowohl von der musikalischen als auch szenischen Qualität her gerechtfertigt war. Junge Dirigenten wie Daniel Harding, der 22-jährig sein Debüt in Aix gab, wurden mit hochkarätigen Regisseuren wie Luc Bondy, Peter Brook oder Patrice Chéreau zusammengespannt.

Der Belgier Bernard Foccroulle, Lissners Nachfolger, gab unterdessen bereits die Grundzüge seiner Ausgabe für 2007 bekannt. Er kündigte sechs Musikproduktionen an, zwei davon in dem neuen 1300-Plätze-Saal. In dieser Spielstätte wird mit der Walküre der Ring fortgesetzt. Auch Leoš Janáèeks Aus einem Totenhaus (Dirigent: Pierre Boulez, Regie: Patrice Chéreau) soll hier herauskommen. Ansonsten ist eine Produktion von Mozarts Hochzeit des Figaro (Dirigent: Daniel Harding, Regie: Vincent Boussard) geplant, sowie eine Wiederaufnahme der Entführung aus dem Serail von Jérôme Des_champs und Macha Makejeff (Dirigent: Marc Minkowski). Außerdem: eine neue Produktion von Monteverdi und die Wiederaufnahme seines L’Orfeo (Regie: Trisha Brown, Dirigent: René Jacobs) aus dem Jahr 1998. (Olga Grimm-Weissert aus Aix-en-Provence / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

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    Geldscheine statt Gold erhalten die Riesen zur Entlohnung in der Inszenierung von Stéphane Braunschweig von Wagners "Rheingold" für die Festspiele von Aix, letzmals unter Stéphane Lissner.

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