Licht und Schatten vor neuem Fenster: Isa Genzken in der Secession

13. Juli 2006, 18:59
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Die deutsche Bildhauerin entwickelte für den Hauptraum ein Szenario zwischen Schönheit und Zerfall

Wien – "Jeder braucht mindestens ein Fenster" titelte ein Katalog von Isa Genzken 1992. Eine Forderung, die mit ihren zwei bis drei Meter großen, zum Teil auf einfachen Metallsockeln ruhenden Epoxidharz-Fenstern der frühen 90er-Jahre Hand in Hand geht. Ein in der Verfassung verankertes Grundrecht ist bisher – leider – aus diesem Appell der dreifachen Documenta-Teilnehmerin (1982, 1992, 2002) nicht entstanden. Dennoch taucht nun ein dreiteiliges bis zum Boden reichendes Fenster, mit Ausblick auf etwas Grün und viel Baustelle, den Hauptraum der Secession am Nachmittag in sommerlich weiches Licht.

Auf der Blickachse dazwischen hat die deutsche Bildhauerin, Jahrgang 1948, bunte Verlockungen aus Alltagsgegenständen und Konsumgütern trashartig zwischen Sonnenschirmen und vermeintlicher Ziegen- und Schäfchen-Pastorale arrangiert. Die auf den ersten Blick scheinbar idyllische Szenerie entwickelt aber beim Nähertreten eine intensive Morbidität und Verletzlichkeit.

Glanz- und Spiegelfolien, bunt gestreifte Kunstseide oder mit Botticellis Primavera dekorierte und ausgekleidete Rollstühle und andere die Mobilität anzweifelnde Gehhilfen dienen als Köder, verführen zu Distanzlosigkeit und richten den Blick auf die verfleckten und zerrissenen Details auf der "schönen" Oberfläche: Bilder kompletter Lebensmodelle und Identitäten blitzen auf.

Sockellos präsentieren sich auch Lampen-Figuren, mit militanten Accessoires oder Luffa-Schwamm-Penis ausstaffiert. Weiter hinten, unter zerschlissenem Sonnenschutz, sonnenbeglaste und vollkommen stoned wirkende Babypuppen vor allerlei Konsumterror-Kleinodien. Genzkens Installation trägt keinen Titel, eventuell, um vordergründigen Lesarten gegenzulenken. Es geht nicht darum, was das ist – ihr Thema vermittelt sich über das, was sich beim Betrachter hinter dem Brustbein, als Ziehen im Bauch oder Schluckbeschwerden bemerkbar macht.

Wer Genzken von ihren handwerklich präzisen Arbeiten mit Holz, Gips, Beton und Epoxydharz kennt – einen Überblick ihrer Arbeiten bietet derzeit die Innsbrucker Galerie im Taxispalais –, könnte zunächst irritiert sein. Doch tauchen alte Bekannte nur in ästhetisch neuem Gesicht auf: die Lampen-Arbeiten etwa oder die bemalte Kleidung (beides 1990er) – Genzkens Wiener Arbeit irritiert allerdings auf lohnenswerte Weise. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

Secession - Bis 10. September
  • Im neu durchfensterten Hauptraum der Wiener Secession breitet die deutsche Bildhauerin Isa Genzken auf Augenhöhe eine betörend schöne, aber zugleich verstörende Welt unter Sonnenschirmchen aus.
    foto:secession/ hejduk

    Im neu durchfensterten Hauptraum der Wiener Secession breitet die deutsche Bildhauerin Isa Genzken auf Augenhöhe eine betörend schöne, aber zugleich verstörende Welt unter Sonnenschirmchen aus.

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