Wien: Kleingeistiger Secessionskrieg

12. Juli 2006, 10:49
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Nach Wahlniederlage traten viele Mitglieder des alten Vorstandes aus, Erwin Wurm ruft zur Besinnung

Aus Wut, die Wahl verloren zu haben, traten viele Mitglieder des alten Vorstandes aus der Secession aus. Erwin Wurm beklagt die Spaltung in der Kunstszene, verurteilt das Mobbing – und ruft zur Besinnung.


Wien – Siegessicher war Marko Lulic, vom bisherigen Vorstand der Secession nominiert, Mitte Mai als Nachfolger für Matthias Herrmann in die Wahl gegangen. Doch Präsident des renommierten Künstlervereins wurde er nicht. Denn seine Gruppe, der u.a. Constanze Ruhm, Heimo Zobernig und Hans Weigand angehörten, musste eine herbe Niederlage einstecken: Barbara Holub und ihr Team erhielten zwei Drittel der Stimmen.

Obwohl der alte Vorstand – mit kleinen Umbesetzungen – die Geschicke bereits seit 1995 lenkte, gönnte man den "Gegnern" den eindeutigen Sieg nicht: Herrmann und die meisten seiner Mitstreiter, darunter Dorit Magreiter, Florian Pumhösl und die bereits Genannten, traten wütend aus dem Verein aus, weil sie sich nicht vom neuen Vorstand vertreten fühlen könnten. Und Herrmann zeigte sich maßlos enttäuscht darüber, dass drei Mitglieder "seines" Vorstandes – Vizepräsidentin Sabine Bitter, Anna Meyer und Martin Walde – die Seiten gewechselt hatten. Diese drei Künstler garantieren zwar die Beibehaltung der Ausrichtung, aber trotzdem zieht man mit Häme über die angeblich schlechte künstlerische Qualität der neuen Vorstandsmitglieder her.

Vizepräsident Werner Reiterer spricht von einem Bad-Loser-Syndrom: "Wir werden gemobbt, obwohl wir – außer dem Bekenntnis, auf höchstem internationalen Niveau weiterarbeiten zu wollen – noch gar nichts geäußert haben. Wir werden unsere Ideen erst im Herbst präsentieren."

Die gegenwärtige Situation findet Erwin Wurm, einer der wichtigsten österreichischen Künstler, unerträglich: "Plötzlich zieht sich ein Spalt durch die Kunstszene. Obwohl es nicht um einen Paradigmenwechsel geht, sondern nur um einen Wechsel des Vorstandes. Die alte Gruppe tut so, als hätte sie die Wahrheit gepachtet: Wer mit uns ist, ist auf unserem Qualitätsniveau – und wer gegen uns ist, ist ein schlechter Künstler. Das ist schrecklich, das empört mich! Ich finde es fatal, dass eine ganze Gruppe von Künstlern desavouiert und denunziert wird, nur weil der alte Vorstand die Macht verloren hat. In einem demokratischen System hat man anzuerkennen: Okay, jetzt kommen einmal andere daran, sich zu beweisen. Aber gleich auszutreten: Das tut mir weh. Denn mir geht es um die Secession. Und ich will nicht, dass ihre Reputation beschädigt wird."

Erwin Wurm war unter den Präsidenten Adolf Krischanitz und Werner Würtinger etliche Jahre im Vorstand des Künstlervereins. Er stellte sich als Nachfolger zur Verfügung, wurde aber abgelehnt: "Das habe ich akzeptiert. Und bin nicht gleich ausgetreten."

Er plädiert dafür, den neuen Vorstand in Ruhe arbeiten zu lassen: „Wie gut oder schlecht die Qualität des Programms sein wird, das wird sich erst herausstellen. Es war auch in der Vergangenheit nicht immer super. Die Vorwürfe sind jedenfalls völlig aus der Luft gegriffen: Barbara Holub, Johanna Kandl, Martin Walde und Eva Schlegel werden doch nicht so doof sein und ein Regionalprogramm fahren! Das ist echt grotesk!"

PS: Für seine Midcareer-Schau im Spätherbst plant Wurm eine spektakuläre Installation mit dem Titel House Attack: Ein Einfamilienhaus als Symbol der Kleingeisterei soll ins Mumok krachen. Ein solches scheint auch ins Krauthappel gestürzt zu sein. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

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Empört über die Vorgänge: Erwin Wurm.
    foto: standard/ hendrich

    Empört über die Vorgänge: Erwin Wurm.

  • Ein Einfamilienhaus als Symbol für Kleingeisterei kracht ins Mumok: Skizze von Erwin Wurm für seine Midcareer-Schau.
    grafik: wurm

    Ein Einfamilienhaus als Symbol für Kleingeisterei kracht ins Mumok: Skizze von Erwin Wurm für seine Midcareer-Schau.

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