"Prince of the City"

6. Juli 2006, 17:04
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Sidney Lumets Protokoll eines langsamen Heilungsprozesses der Stadt New York in den Siebzigern

Man muss diesen Film als einen Krankenbericht sehen, das Protokoll eines langsamen Heilungsprozesses, mühsam und quälend, zweidreiviertel Stunden lang. Das Endstadium ist dann hochdramatisch, große Tragödie.

Der Patient ist die Stadt New York, die in den Siebzigern komplett in der Gewalt der Junkies und Drogenhändler war. Ein Dschungel, gegen den nur die Cops des NYPD die Gesellschaft schützen können, die Mitglieder der Rauschgiftspezialeinheit, mit speziellen Methoden und Sitten. Die Geschichte eines Verräters, und zwar eines mehrfachen: Danny Ciello, gespielt von Treat Williams. Als Cop hat er seine Berufung verraten, sich mit seinen Freunden und Kollegen korrumpieren lassen, sich auf die Spiele der Drogenmafia eingelassen. Sie sind die Stars, die Herren der Stadt, nehmen sich einiges heraus. Sie haben Geld, Koks, Zigarren, Maniküre. Luxus. Dann kriegt Danny Gewissensbisse und verrät Freunde und Kollegen. Er stellt sich der Staatsanwaltschaft zur Verfügung, sein Niedergang beginnt.

Der Film lässt nichts aus von seinen Qualen. Nicht die Lügen, das Abhörgerät, das sie ihm auf den Bauch kleben, den Meineid, den er vor Gericht schwört, die Leibwache, die er als Verräter braucht, die Verachtung der Staatsanwälte, die ihn ausnutzen, den Tod, den er den Freunden bringt. Die Unit war seine Familie, nun muss er sie in eine Spirale der Verbitterung und Versteinerung treiben, in den Untergang.

Cops in Action, Anwälte und Richter im Schlagabtausch, das ist, was Sidney Lumet schon immer am meisten faszinierte, was er am besten konnte: von den "Zwölf Geschworenen" bis "Serpico" und "Verdict". "Prince of the City" ist nach dem Buch von Robert Daley entstanden. Eine moralische Erzählung, aber ohne jede erzählerische Moral. Eine klinisch saubere Gesellschaft gibt es nicht, eine Gesellschaft ohne Grauzone. Es gehört zum Professionalismus, dass er seine Regeln sich adaptiert. "Die Lügendetektorentests", sagt Danny, "ich weiß, warum sie nicht zugelassen werden vor Gericht. Ist jemand ein bisschen schizophren, glaubt er, was er sagt. Und wenn er's wirklich glaubt, schlägt die verdammte Nadel nicht aus. Bei mir ist es genau umgekehrt. Stellt man mir eine Frage, hab ich oft das Gefühl, ich lüge. Obwohl ich die Wahrheit sage."

Die Stadt als Dschungel, aber der Dschungel ist das Leben, ist Schönheit – die dunkel getäfelten Anwaltsbüros und Gerichtssäle sind ein Totenreich. Die Geschichte eines Aussätzigen: Beim letzten Treffen mit einem seiner Freunde packt dieser Danny grimmig-liebevoll am Nacken, macht ihm seinen Standpunkt klar – ich werde nie einen anderen Cop anschwärzen – und wischt sich dann mit einer eindeutigen Geste seine Hand am Revers ab. Nun weiß Ciello, dass er vor allem sich selbst verraten hat. (Fritz Göttler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

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