Sheila Och: "Das Salz der Erde und das dumme Schaf"

6. Juli 2006, 17:00
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Das Prag des real existierenden Sozialismus - und eine schier unerträgliche Leichtigkeit der Lebensschläue

Leben im Kopfstand. Großvater, Enkelin und die Prager Welt des real existierenden Sozialismus. Dass sich tschechische Großmütter dem Zug der Zeit entgegenstellten und mit gelassener Beharrlichkeit Tugenden lebten, weiß man seit Bozena Nemcovás "Babicka". Dass auch böhmische Großväter anders können, wenn sie nur wollen, davon berichtet die in Prag aufgewachsene und 1999 im Alter von 59 Jahren leider viel zu früh verstorbene Schriftstellerin Sheila Och.

In ihrem satirischen Wendezeitroman "Karel, Jarda und das wahre Leben" zum Beispiel lässt sie den lebensweisen Großvater im Schaukelstuhl am Fenster der Plattenbauwohnung sitzen und den Alltag betrachten. In den frühen 90ern schuf sie mit Herrn Vanek einen Großvater, der den Rahmen der Realität völlig sprengt – aus gutem Grund.

"Das Salz der Erde und das dumme Schaf" führt ins Zentrum des real existierenden Sozialismus. Was kann man den machtaufgeblasenen Parteibonzen, Jubelideologen, Sesselfurzern und Hasenherzen denn anderes entgegenhalten als Absurditäten? "Gegenüber Absurditäten ist letztlich jeder machtlos", sagt Großvater Vanek zu seiner 16-jährigen Enkelin Jana, der Erzählerin, und lebt im permanenten Kriegszustand mit der Normalität, der im wahren Leben gewiss die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt zur Folge hätte.

Das Befreiende in Sheila Ochs Roman besteht in der schier unerträglichen Leichtigkeit der Lebensschläue, mit der sich Kunstfiguren wie Großvater Vanek durch die Niederungen des Alltags bewegen. Ihr Leben erscheint wie ein einziger grandioser Akt der Äquilibristik. Sie sind "Lerchen am Faden" in einer Welt, in der man – wie Sheila Och beschreibt – das andere Leben nur entdecken könnte, wenn ein Sonnenstrahl auf einem Wassertropfen in einer Kellerwohnung aufblitzen würde.

Nur: In den Raum, in dem Großvater und Enkelin hausen, dringt kein Sonnenstrahl. Jana hat ihre liebe Not mit Großvater. Das ist der realistische Teil des Romans: eine junge Frau an der Schwelle des Erwachsenwerden. Sie sucht Orientierung zwischen Anpassung und Verweigerung, sie sucht den integren Weg jenseits von beidem.

Der absurde Teil der Geschichte ist eine großartige Parabel über die Lächerlichkeit des selbstgewissen Daherschreitens. Die Frage, ob derartige doppelte Anfechtungen einen jungen Menschen aufs Leben vorbereiten, beantwortet Jana schließlich mit einem vorsichtigen "Ja". Man könnte hinzufügen: solange Großväter wie Herr Vanek literarische Figuren bleiben. Und erst recht, wenn sie, wie bei Sheila Och, selbst im Stadium des permanenten Kopfstands auf dem Boden der Tatsachen stehen. (Siggi Seuss / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

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