Italien träumt vom Happy End

9. Juli 2006, 15:33
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Die Squadra hatte einige Trümpfe: die starke Abwehr und der schlaue Trainer gehören dazu

Duisburg - Marcello Lippi findet in diesen Tagen nur schlecht Schlaf. Selbst Stunden nach dem denkwürdigen Sieg über Deutschland wollte die Anspannung nicht weichen. Bis fünf Uhr in der Früh sah sich der italienische Nationaltrainer die furiosen 120 Minuten nochmals auf Video an. Auch eine Nacht später brannte in seinem Zimmer im Duisburger Mannschaftshotel "Casa Azzurri Germania" lange das Licht. Unmittelbar nach dem Sieg der Franzosen im zweiten Halbfinale gegen Portugal begann der exzellente Stratege und kühle Analytiker mit den Vorbereitungen auf das Finale.

Der Sieg der "Grande Nation" kam für Lippi nicht überraschend. Voller Hochachtung sprach er vor der Neuauflage des EM-Endspiels von 2000 über die Qualitäten des Gegners: "Für mich war es eine Bestätigung dafür, dass die Franzosen in diesem Turnier gewachsen sind. Nach einem mäßigen Start haben sie zurück zu alter Form und dem besten Zidane gefunden. Ich bin überzeugt, dass es ein ausgeglichenes Finale geben wird."

24 Spiele ohne Niederlage

Bei allem Respekt vor dem Gegner hat die "Squadra Azzurra" reichlich Grund zur Zuversicht. Seitdem Lippi das Amt vor zwei Jahren von Giovanni Trapattoni übernahm, ging es stetig bergauf. Nach 24 Spielen ohne Niederlage und dem wundersamen Einzug in das WM-Endspiel redet zwischen Mailand und Messina niemand mehr über das mäßige Abschneiden bei der EM 2004 in Portugal.

Vor allem die Abwehr um den nur 1,75 Meter großen Fabio Cannavaro, der sich für sein anstehendes 100. Länderspiel keinen besseren Rahmen wünschen konnte, gilt als Prunkstück. Erst zwei Mal in der WM-Historie zog ein Team mit nur einem Gegentor in sein siebentes und letztes Turnierspiel ein. Selbst der einstige Weltstar Diego Maradona geriet ins Schwärmen: "Italien hat alle überrascht."

Voraussetzungen sub-optimal

Dabei sind die Italiener von idealen Voraussetzungen Lichtjahre entfernt: Während sich die Profis auf den Höhepunkt ihrer Karriere vorbereiten, laufen die Ermittlungen der Juristen im heimischen Fußball-Skandal weiter auf Hochtouren. Es zeichnen sich drakonische Strafen ab: Selbst der Anwalt von Rekordmeister Juventus Turin bot einen Tag nach dem Finaleinzug der Nationalelf einen Vergleich an, der einen Zwangsabstieg in die Serie B und einen Punktabzug vorsieht.

Den "Azzurri" droht deshalb ein böses Erwachen aus dem WM-Traum. Setzt sich Chef-Ankläger Stefano Palazzi mit seinen Forderungen durch, wäre über die Hälfte des WM-Kaders betroffen. Die Drohkulisse forderte nach Meinung von Lippi den Stolz der Spieler heraus: "Diese Konfusion hat uns zu einer Reaktion angetrieben, wir sind enger zusammengerückt."

Das Vertrauen einer ganzen Nation in den Sachverstand des Fußball-Lehrers ist seit dem Halbfinalsieg über Deutschland größer denn je. Mit seiner mutigen Offensivtaktik in der Verlängerung verschaffte er sich zusätzlich Respekt. Das viele Lob in der Heimat tut ihm sichtlich gut. "Mein Boot liegt im Hafen von Viareggio - mit laufendem Motor. Geht es schief, dann verschwinde ich noch in der Nacht und steche in See", hatte Lippi noch vor und zu Beginn der WM verkündet. Zwei Tage vor dem Endspiel verriet er der wachsenden Journalistenschar die ganze Wahrheit: "Ich verrate euch etwas: der Motor war nie an."(APA/dpa)

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    Cannavaro-Unterschriften sind gefragter den je.

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