Nicht zu Gast bei Freunden

6. Juli 2006, 18:17
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Indien spielt nicht Fußball - Was treibt dann dieses bedauernswerte Land während der WM?

Das Gute zuerst: Indien spielt nicht Fußball. Zumindest nicht 2006, nicht in Deutschland. 1950 hat die auch hier zu Lande mit dem Ruch des Spielverderbers behaftete FIFA das Barfußspielen verboten, und seitdem kommt der East Bengal Club nicht in die Puschen. Das zweitmenschenmassigste Land der Welt ist also WM-frei. Das bedeutet für die Globalerie, dass mehr als eine Milliarde Menschen weder Copa-Mundial-de-la-FIFA-Eis mit Karamelstücken und Schokoladenüberzug noch "Silikonbackformen Fußball mit WM-Timer und Rezepten" kaufen können/werden/ müssen/wollen. Und der interessierte Weltbürger stellt sich die Frage, was diese bedauernswerten Inder denn dann während der WM so trieben.

Hockey, Cricket, Currybraten können einen intelligenten Menschen wohl kaum ausfüllen; zumal es zivilisierte Alternativen gibt wie Japan - Australien in Kaiserslautern oder Saudi-Arabien gegen die Ukraine live in Kevin's WM-Café. Ganz zu schweigen von den TV-Studios, in denen sich "käschuäl" in Polyäthylen gewandete Spezialisten in Playmobil-Sesseln fläzen, um den Zuseher zuzunuscheln. Man könnte argumentieren, dass Baichung Bhutia, der Kapitän der indischen Nationalmannschaft gerade einmal 60 kg auf die Waage bringt und dass die Vorstellung einer Blutgrätsche, von einem körperlich relevanteren Gegner verabfolgt, selbst ambitionierte subkontinentale Kicker zurück an den Tandooriofen treiben könnte.

Nun ist aber auch z. B. Eidur Smari Gudjohnsen, isländischer Meisterfußballer von blonden 90 kg, (und Einziger, der je bei einem Länderspiel gegen seinen Vater eingewechselt wurde) mitsamt seiner Mannschaft nicht zu Gast bei Freunden - sondern vermutlich fleißig am Tölten, Trinken und Haifischpökeln, da man ja auch in Thule weder "2006 Worldcup Party Edition"-Fernbedienungen mit Kapselheber erwerben kann/darf/muss noch grüne Büstenhalter mit Netzapplikationen, in denen schwarz-weiße Plastikschalen neckisch herumschubbern.

Das Schlechte ist, dass z. B. Kanada auch nicht geladen ist. Und mit Saul Bellow daher ein weiterer Literatur-Nobelpreisträger aus einem Land kommt, das sich auf dem Rasen partout nicht qualifizieren will. Rabindranath Tagore und Haldor Laxness grüßen Elfriede Jelinek!
(Una Wiener/Der Standard/rondo/07/07/2006)

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