In der Not kommt das Finale

6. Juli 2006, 10:30
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Italien kann am Sonntag zum vierten Mal Welt­meister werden, nach dem 2:0-Sieg gegen Deutsch­land lobte Trai­ner Lippi seine Burschen

Italien kann am Sonntag zum vierten Mal nach 1934, 1938 und 1982 Weltmeister werden. Nach dem 2:0 gegen Deutschland lobte Trainer Marcello Lippi seine Burschen und deren ungebrochene Liebe zum Fußball. Und die lieben Gastgeber haben jetzt ausgeträumt. Christian Hackl aus Dortmund Der Bäckerlehrling aus dem Schwabenland wischte sich weltmännisch ein paar Tränen weg und setzte zu einer Art Grabrede an. Jürgen Klinsmann versuchte, das Positive hervorzuheben, elf Leichen soll man nicht erschlagen, sie sind nämlich eh schon tot. Er sprach also davon, "dass ein Land stolz auf die Jungs sein kann. Sie gingen an ihre Grenzen, sie sind Vorbilder". Er bezog sich natürlich auf die deutschen Elitekicker, für die er seit 2004 zuständig ist. Klinsmann könnte durchaus auch die italienischen gemeint haben, aber dann wäre es eine Hymne geworden. Und die fällt eher in den Aufgabenbereich von Marcello Lippi.

Es gibt ein Weiterleben für den deutschen Fußball, die Auferstehung muss laut FIFA bereits am 8. Juli stattfinden, in Stuttgart ist das an sich entbehrliche Match um Platz drei angesetzt. Der Klinsi hat angekündigt, "die Jungs bis dahin in Ruhe zu lassen. Das war eine Pille, die man erst einmal schlucken muss. Sie steckt im Hals, der Traum ist geplatzt".

Deutschland weint, auf den Fan-Meilen konnte endlich aus Kummer gesoffen werden. Schuld daran war dieser gottverdammte Abend des 4. Juli in Dortmund. Just in jenem Stadion, wo zuvor kein Länderspiel verloren worden war, haben sich die Italiener bemüßigt gefühlt, 2:0 zu gewinnen.

Die Tradition

Der Fußball hält an seinen wesentlichen Traditionen fest (die deutsche Bilanz in Dortmund ist ihm scheißegal), diese WM ist eine weitere Bestätigung für diese wissenschaftlich nicht unbedingt belegbare These. England ist jedenfalls zu deppert zum Elferschießen, und Deutschland kann bei Großereignissen gegen Italien maximal Zweiter werden, Dortmund war das siebente Beispiel. "Sie waren um einen Tick besser", sagte Miroslav Klose. Und er wies gar nicht so deutlich darauf hin, dass die Tore erst in der 119.und der 121. Minute gefallen sind. "Sie waren wunderschön herausgespielt."

Was die italienische Mannschaft ausmacht, belegt auch die Statistik. Sie hatte 57 Prozent Ballbesitz, schoss zehnmal aufs Tor, brachte es auf zwölf Corner. Die deutschen Zahlen: 43, 2, 4. Lippi drückte es so aus: "Die technische Überlegenheit war ausschlaggebend, wir konnten viele Pfeile aus dem Köcher ziehen. Die Burschen haben einen fantastischen Charakter. Sie stecken wahnsinnig viel Liebe in das Spiel."Lippi selbst überraschte die Welt, als er im Laufe der Partie immer mehr Offensivkräfte einwechselte. Alessandro del Piero sollte das zweite Tor erzielen. "Ich dachte mir, er macht das erste. Eine Fehleinschätzung."

Nach dem Finale werden die Urteile im Manipulationsskandal gefällt, mögliche Weltmeister könnten sich in der dritten Liga finden. Speziell dann, wenn sie von Juventus Turin bezahlt werden. Lippi leierte in Deutschland: "Wir sind hier nicht in Italien, wir stecken das weg, wir sagen gar nichts dazu."In der Not schweigt der Italiener. "Und er hält zusammen", ergänzte Verteidiger Fabio Grosso. Der 29-jährige Grosso schoss in Dortmund das 1:0, was er dabei erlebt hat, fasste er später so in Worte: "Als ich sah, wie der Ball einschlug, begann ich vor Glück zu weinen. Ich lief durch die Gegend, wollte das Gefühl mit den Freunden teilen. Und dann warfen sich alle auf mich."

Freund Pessottino

Grosso ist für Palermo tätig, er kann den Spruch der Richter relativ gelassen abwarten. Die Italiener haben sich das letzte Stückerl Motivation aus einer menschlichen Tragödie geholt. Der neue Generalmanager von Juve, Gianluca Pessotto, hatte sich vor acht Tagen aus dem Fenster der Geschäftsstelle gestürzt. Er schwebt nach wie vor in Lebensgefahr. "Unser Freund Pessottino gibt uns Kraft. Anstatt um ihn zu weinen, gewinnen wir für ihn", sagte Juves Gianluca Zamprotta. "Der Papst ist Deutscher, Gott ist Italiener", schrie ein Radioreporter nächtens ins Mikrofon, es war von Neapel über Rom bis hin nach Turin zu hören.

Der schwäbische Bäckerlehrling wird nach der WM mit seiner Familie in Kalifornien nicht schreien, sondern plaudern. Deutschland will den Klinsi behalten, es wird Druck gemacht. Horst Köhler, Angela Merkel und Franz Beckenbauer fordern es. Der Bundestrainer ziert sich, ein Abschied scheint nicht unwahrscheinlich. "Vielleicht sollte man geplatzte Träume nicht wiederholen." (Christian Hackl aus Dortmung - DER STANDARD PRINTAUSGABE 6.7. 2006)

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    Junge Römer hatten die ganze Nacht lang zu tun, den italienischen Triumph ordentlich abzufeiern. Junge Römerinnen auch.

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