Kopf des Tages: Marcello Lippi

6. Juli 2006, 22:08
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Ein Sozialist, dessen Interesse den linken Spielerfüßen gilt

Der Mann ist ein Raubein. "Manchmal", sagt er selbst, der Marcello Lippi, "sind mein Ton und meine Worte wohl etwas barscher, als sie sein sollten."Nicht nur seinen Spielern gegenüber, sondern auch - oder vor allem - gegenüber all den Schmieranskis, den Zeitungsfritzen, die er wie weiland Ernst Happel nicht für ein notwendiges Übel, sondern für eine richtiggehende Zumutung hält.

Unlängst erst beklagte er sich über die Plage des medialen Trosses, der das italienische Team nach Deutschland und durch Deutschland begleitet. "Ich gebe euch die Aufstellung nicht vorher, weil ich meinen Gegnern keinen Gefallen tun will, nicht um euch das Leben schwer zu machen. Aber ihr versteht das nicht, und manche von euch rufen mich jeden Abend im Hotel an, um was Neues zu erfahren. Bitte schön, lasst uns Scheißkerle sein, dann seid ihr aber auch welche."

Die Gereiztheit des italienischen Teamchefs hängt wohl nicht nur mit der Ungeduld des Fachmanns gegenüber Laien zusammen. Marcello Lippi ist während der WM-Vorbereitung tief in den Skandalstrudel des italienischen Fußballs hineingedreht worden, ganz abgesehen davon, dass der Weltfußballverband (FIFA) den leidenschaftlichen Zigarrenraucher auf der Trainerbank zum Kaugummikauen gezwungen hat, was auch ganz schön auf die Nerven gehen kann.

Im Sommer 2004, gleich nach dem Vorrunden-Aus bei der EM in Portugal, folgte Marcello Lippi dem jetzigen Chefcoach der Salzburger, Giovanni Trapattoni, als Teamchef nach. Direkt vom Inbegriff kapitalistischer Umtriebe, dem Fiat-Werksteam Juventus Turin, das er 2002 und 2003 zum Meistertitel und in diesem Jahr auch ins Finale der Champions League führte. Erfolge, die nun von der italienischen Justiz untersucht werden. Auch die Rolle des Teamchefs, der als Juve-Trainer angeblich dem Hauptverdächtigen der Manipulationen, Juve-Manager Luciano Moggi, zu Diensten war. Lippis Sohn David scheint jedenfalls involviert. Als Spielervermittler habe er, so die Staatsanwaltschaft, gemeinsam mit Moggi-Sohn Alessandro Kicker genötigt.

Lippis ballesterische Karriere begann dort, wo er 1948 zur Welt kam, eine Familie gründete, zwei Kinder in die Welt setzte und heute noch zu Hause ist. In Viareggio an der ligurischen Küste.

Der Verein nannte sich "stella rossa", und das war kein Zufall. "Ich bin ja immer Sozialist gewesen", sagt Lippi, "und bin es heute noch."Andererseits sagt er aber auch: "Der linke Fuß eines Spielers interessiert mich immer noch mehr als eine linke Partei."

Italien hat er mit diesem Interesse immerhin ins WM-Finale gebracht. In einem sozusagen klassischen Spiel. "Italien gegen Deutschland", sagte er schon vor dem 2:0, "ist das Spiel aller Spiele." (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 6.7. 2006)

  • Marcello Lippi
    foto:epa/zennaro

    Marcello Lippi

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