Feingeist für Kickboxer

5. Juli 2006, 20:49
12 Postings

Die US-Grübel-Popper Eels rockten sich in der Wiener Arena frei

Wien - Wahrscheinlich hat es der Mann einfach satt, dauernd als verstörtes Sensibelchen zu gelten. Versteckt hinter Dichterlaute und einem mehr der Unachtsamkeit als verwegenen Schönheitsidealen geschuldeten Dreijahresbart, bewegt sich der 43-jährige Kalifornier Mark Oliver Everett alias E zwar seit gut zehn Jahren als zentrale Gestalt durch das Genre der grüblerischen Beschallung von Studentenbuden. Soviel mit wechselnden Musikern als Eels auf Alben wie Beautiful Freak, Electro-Shock Bluesoder Blinking Lights And Other Revelations betriebener Feinsinn schreit aber auch einmal nach einem Befreiungsschlag.

Mit zwei Begleitmusikern, die ebenfalls im Arbeitseinteiler von mit Schnaps befeuerten Piloten stecken, die über den Maisfeldern Idahos Insektengift mit alten Doppeldeckermaschinen versprühen und Abends dann als Hobby von der Veranda runter auf vorbeifahrende Autos und die restliche Fauna schießen, holzt sich Everett in der seit Wochen ausverkauften Halle der Wiener Arena erst ein- mal eine halbe Stunde den Schmerzensmann mit dem Poesiealbum an der Brust aus dem Leib.

Hammer, Amboss und Steigbügel brüllen uns bei pfeifenden und kreischenden Gitarren am Ende gar ins Ohr, dass hier neben punkrockigen Neusichtungen von The Other Shoe oder Old Shit/New Shitaus dem Blinking Lights-Album die Sicherungen dann schon während des vierten Songs des Abends durchbrennen. Wir hören eine böllernde und höhnische Version des Iggy Pop/Peaches-Songs Rock Show. Dazu tanzt ein zwei Meter großer, in ein "Security"-Shirt gezwängter Mann namens Krazy Al als äußerst launige Kreuzung aus Hell's Angel und Cornetto mit Supermuckis fast zwei Stunden lang eine Kickbox-Choreografie, bei der sich Fußball-Hooligans schlapplachen würden. Auch Spaß muss sein.

Krazy Al wird den Abend in Folge mit unverständlichem Drillsergeant-Gebelfer moderieren und dazu auch ein wenig mit dem Tamburin rasseln, den Bass zupfen und die Orgel mit zwei Fingern quälen. Zum Glück sieht man bei all den vielen Haaren und der Fliegerbrille im Gesicht von Herrn E nicht, dass ihn das alles ziemlich amüsiert. Wer auf der Bühne bei dieser gründlich pubertären Inszenierung lacht, hat schon verloren. Muss Rockmusik aggressiv, bierernst, angeberisch und deppert sein? Ja, bitte!

Nach dem ersten Drittel des frenetisch bejubelten Konzerts werden die Erwartungshaltungen des Publikums dann ein weiteres Mal gebrochen. Und zwar, indem sie erfüllt werden. E schaltet den Verzerrer aus. Und er schrammelt und orgelt sich einige Nummern lang hübsch songwriterisch, aber mit einer Schlagseite hin zu Tom Waits, die ihm live alle süßliche Verbindlichkeit seiner CDs nimmt, durch Lieder seines vor allem den dunklen Seiten zugewandten Werkkatalogs: Dirty Girl, The Sound Of Fear, My Beloved Monster, Rags To Rags, Agony ...

Aus der Feder des Eels-Bewunderers Tom Waits stammt dann auch der in Wien gegebene raue Gospel Jesus Gonna Be Here. Und hart gestampfter Blues kracht gegen Ende nach dem 15-minütigen Feedback-Trip Not Ready Yetauch in Gestalt von zwei Songs aus Everetts krachigstem Album, dem unterschätzten Souljackeraus 2001, in den Saal: Souljacker Part 1und Dog Faced Boy.

Dazu setzt es am Ende spektakuläre Coverversionen von Frank Sinatras That's Life und Screamin'Jay Hawkins'I Put A Spell On You.

Bei den Zugaben drehen auch wir im Publikum schließlich entzückt durch. Mit Cancer For The Cure,I Like Birdsund Saturday Morning kommen absolute Klassiker Everetts zum Einsatz. Ein wunderbarer Abend! (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2006)

  • Eels-Frontmann E lässt mit einem wilden Auftritt in Wien beinahe vergessen, dass es sich hier an und für sich um nachdenklichen Pop handelt.
    foto: standard/ christian fischer

    Eels-Frontmann E lässt mit einem wilden Auftritt in Wien beinahe vergessen, dass es sich hier an und für sich um nachdenklichen Pop handelt.

Share if you care.