Die zickigen Falten der Zeit

11. Juli 2006, 12:36
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Amsterdam - Wien: Dantes "Inferno" steht im Zentrum des neuen Stücks "Hell" von Emio Greco und Pieter C. Scholten.

Der anspielungsreiche Abend, der nun in Amsterdam Premiere hatte, wird Mitte Juli im Rahmen von ImPulsTanz auch im Wiener Burgtheater zu sehen sein.


Eine Höllenfahrt unternehmen der aus Italien stammende, in Amsterdam lebende Choreograf Emio Greco und sein künstlerischer Partner Pieter C. Scholten in ihrer jetzt uraufgeführten jüngsten Arbeit Hell, die am 18. Juli bei ImPulsTanz auch im Wiener Burgtheater zu sehen sein wird.

Das 100 sehr unterschiedlich lange Minuten dauernde Stück ist voll gepackt mit Bezugnahmen, sowohl auf die Verunsicherungen der Gegenwart - in der Gesellschaft wie in der Choreografie - als auch auf den Werkkorpus des seit 11 Jahren kooperierenden Künstlerpaars.

Zu Beginn heißt es Showtime, mit Songs wie "Tell It To My Heart"von Kelly Llorenna oder Midnight Oils "Beds Are Burning". Ein unheimliches Konzert. Die in düster-schwarze Kleider gehüllten Tänzer bewegen ihre Lippen zu den Lyrics. Wiederholt blendet Bühnenlicht ins Auditorium, bevor die Showbühne sich in eine Theaterszenerie verwandelt.

Acht Tänzer in einem sinistren Übergangsraum. Ein abgestorbener Baum, ein mit Glühbirnchen umrahmtes Tor und ein auf den Boden gesetzter, nie leuchtender Scheinwerfer, der an R2D2 aus Starwars erinnert. Eine unstete Dramaturgie und eine teils träge, teils wilde Choreografie treiben die Figuren vor sich her: drei Mann-Frau-Paare und zwei Schattenfiguren, von denen eine sich als Greco selbst entpuppt.

Dantes Inferno bildet das Leitmotiv inHell. Die Figuren warten becketthaft auf etwas, das nie kommt, trotz Marschmusik und Tango.

Auch nicht während eines Ausschnitts aus Beethovens Fünfter. Die kleine Gesellschaft scheint am Ufer des Styx festzuhängen. Ihre Körper drängen aus den Kleidern, doch selbst dieses Ausderkulturhautfahren hilft nicht. Einzelne Szenenübergänge werden durch überrumpelnde Soundsignale markiert: immer wieder kleine Schocks und Wendungen, die Zeit wirft zickig Falten und entspannt sich wieder.

Infernalisch

Wer in diesem Stück nach Eindeutigkeiten sucht, erfährt umfassende Vergeblichkeit. Dante wird nicht interpretiert oder zitiert, sondern abgebaut und umgewandelt. Die meisten bisherigen Arbeiten von "EG | PC"hatten bisher infernalische Momente, allen voran Fra Cervello e Movimento: Rossound Double Points: Nero. Und inHell finden sich Zitate vor allem aus Fra Cervello e Movimento: Extra Dry und Bezüge zu jüngeren (Musik-)Theaterwerken der beiden, Teoremaund Orfeo ed Euridice.Hellist auch ein weiteres Zeugnis eines schrittweisen Rückzugs des explosiven Ausnahmetänzers Emio Greco vom Zentrum der Bühne.

Grecos Thema ist immer noch ein Körper der Brüche und Verzögerungen, des Ausbruchs, der Stasis, immer am Rand des Überschnappens und des Verschwindens zugleich. In seinem Rückzug verändert sich seine Sprache. Konsequenterweise ist Hell ein übervolles Stück, das in ein Hochglanz-Magazin mit dem annähernd gleichen Titel ausufert. "Risorgimento for Hell"("Wiedergeburt für Hell") setzt das Unwägbare in dem Bühnenstück eher fort als es aufzuklären. Das Publikum kann es vor und nach der Vorstellung kaufen und findet ein "EG | PC"-Glamourama vor, in dessen Mitte für ein Parfum geworben wird, das die beiden Künstler in absehbarer Zeit tatsächlich auf den Markt bringen wollen: "Extremalism", unisex.

Wer dahinter bloß einen Gag vermutet, unterschätzt Emio Greco und Pieter C. Scholten. Der Torso in dem Inserat zeigt eine Hand mit schmutzigen Fingern. (Helmut Ploebst aus Amsterdam / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2006)

  • Emio Grecos Thema ist ein Körper der Brüche und Verzögerung, des Ausbruchs, der Stasis, immer am Rand des Überschnappens und Verschwindens zugleich.
    foto: impulstanz

    Emio Grecos Thema ist ein Körper der Brüche und Verzögerung, des Ausbruchs, der Stasis, immer am Rand des Überschnappens und Verschwindens zugleich.

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