Optimismus und Skepsis in Kroatien

14. Juli 2006, 17:11
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Zagreb will Befürchtungen gegen EU-Beitritt mit Info-Kampage ausräumen - 43 Prozent befürworten die EU-Integration

Zagreb - Schreiend bunt springen die Bilder des Malers Timohir Fischer ins Auge: Alte Gebäude von Vara~din, in knalligen Farben gemalt und optisch verzerrt. Die 21-jährige Milena Kaniaki steht in einem kleinen Stand in der Fußgängerzone des nordkroatischen Städtchens und wartet auf Touristen, die die Bilder als Souvenirs erstehen wollen.

Über den geplanten EU-Beitritt ihres Landes hat sich die Biologie-Studentin zwar schon viele Gedanken gemacht, aber sie weiß immer noch nicht, was sie davon halten soll. "Für arme Leute wird es sehr schwierig", sagt sie schulterzuckend. "Die Preise sind schon sehr hoch und werden weiter steigen - im Gegensatz zu den Einkommen."

Im Oktober beschloss die EU die Aufnahme der Beitrittsgespräche mit Zagreb und Premier Ivo Sanader hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2008 sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein. Angepeilter Beitrittstermin: 2009. Nur in der Bevölkerung ist noch Skepsis zu spüren.

Laut einer aktuellen Umfrage befürworten 43 Prozent der Kroaten die EU-Integration; 48,9 Prozent sind dagegen. Damit hat sich die Zustimmung zwar um rund zehn Prozentpunkte verbessert, nach einem Tiefpunkt 2005, als die EU den Start der Beitrittsverhandlungen aufgrund der Suche nach dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ante Gotovina zunächst verschob.

Viele Befürchtungen

Wie Milena Kaniaki fürchten aber viele Kroaten höhere Preise, mehr Arbeitslosigkeit und einen niedrigeren Lebensstandard. Schon jetzt sind die meisten Preise auf EU-Niveau - der monatliche Durchschnittlohn liegt bei 600 Euro.

Landwirte und Kleinunternehmer fürchten die Konkurrenz des Marktes. Auch von der Angst vor einem Ausverkauf des Landes ist immer wieder die Rede. Wenn Kroatien der Union angehört, dürfen EU-Bürger dort gleichberechtigt zu den Kroaten Grundstücke kaufen. Vor allem an der Küste könnten Grundstücke für Einheimische unerschwinglich werden. Zudem drohe mit Brüssel der Verlust der erst 1991 erlangten Souveränität, meinen Kritiker.

Die Regierung will diesen Ängsten mit einer Informationskampagne begegnen. Zwei bis 2,5 Millionen Euro jährlich investiert das Außen- und Integrationsministerium dafür. Nicht zuletzt deshalb, weil die Verfassung vor dem EU-Beitritt ein Referendum verlangt.

Der zuständige Vizeminister Mario Horvatiæ gibt sich optimistisch: "Weniger als 30 Prozent"der Kroaten verträten ein "klares Nein", 50 bis 55 Prozent seien für die EU, der Rest unentschieden. Überzeugen will er durch Aufklärung über die Vorzüge des Beitritts. Und das Ausräumen jener Sorgen, die grundlos seien. "Preissteigerungen wird es nicht mehr geben", sagt er etwa.

Positiv sehen den Beitritt vor allem Menschen aus den Städten, den Gebildeteren und jenen, die hoffen, davon zu profitieren. Wie Jadranko Gjerek, der in Vara~din selbstgetöpferte Schüsseln und Krüge als Souvenirs verkauft. Der Tourismus werde sich gut entwickeln, glaubt der 32-Jährige. "Viele Europäer mögen Fremdes nicht. Wenn wir zur EU gehören, werden noch mehr Urlauber kommen - weil sie sich uns dann näher fühlen." (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 6.7.2005)

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