Erstmals freie Schulwahl in Linz

6. Juli 2006, 20:40
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Schulsprengel zählen nicht mehr - 243 Tafelklassler werden ertmals nicht die Volksschule ihres Sprengels besuchen

Linz – 1516 Tafelklassler sind für das kommende Schuljahr in Linz angemeldet. 243 von ihnen werden nicht die Volksschule ihres Sprengels besuchen. Die Eltern haben einen entsprechenden Überstellungsantrag an ihre Wunschschule gestellt. Die Stadt Linz wird als „kurzfristige Maßnahme“ ab sofort alle derartigen Anträge genehmigen, kündigt SPÖ-Bildungsstadtrat Johann Mayr an. Langfristig sollen die Pflichtsprengel in der Landeshauptstadt mehr oder weniger wegfallen. Entweder werde das gesamte Stadtgebiet zu einem einzigen Sprengel zusammengefasst oder aus den derzeitigen 36 werden wenige Großsprengel. „Mit dieser Wahlfreiheit wollen wir die Elternrechte stärken“, erklärt Mayr. „Drohen wollte mir die SPÖ damit“, sagt hingegen ÖVP-Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer. Die Stadt-ÖVP hatte gegen die angekündigte Schließung von vier Linzer Volksschulen massiv mobil gemacht, sodass der Bildungsstadtrat und Bürgermeister Franz Dobusch einen Rückzieher machen mussten. Gleichzeitig erklärten die zwei Sozialdemokraten, die Sprengelpflicht aufzuheben. Dann werde sich schon zeigen, welche Schulen wegen mangelnder Qualität schließen können, argumentiert Mayr.

Durch diesen Wettbewerb der Pflichtschulen würden aber auch pädagogische Konzepte überdacht. Und der Landesschulrat als Dienstaufsicht sei bei Einbrüchen der Kinderzahlen an bestimmten Schulen gefordert. Für Enzenhofer eine sonderbare Bildungspolitik, wenn ein Stadtrat ohne Beweise den Linzer Volksschulen schlechte Qualität unterstelle. Ihm sei es generell egal, „an welche Schule ich meine Lehrer schicke“.

Gefahr von Gettos

Rechtlich gesehen kann der Magistrat als Bezirksverwaltungsbehörde die Sprengel selber festlegen. Ob eine Freigabe jedoch sinnvoll ist, bezweifelt Enzenhofer. Damit gebe die Stadt Linz ihre Steuerungsfunktion in Teilen der Bildungspolitik auf. In weiterer Folge erhöhe sich etwa das Risiko einer Gettoisierung von Ausländerschulen.

Dies sei schon jetzt trotz Pflichtsprengel in Linz der Fall, merkt Mayr an. Man müsse den Schulen nur ein neues Image verpassen. Statt Ausländerschule sollte es internationale Schule heißen._Diese seien, wie beispielsweise das Europagymnasium, heiß begehrt. „Herr Mayr scheint ein bisschen ein Träumer zu sein, so einfach lässt sich das Ausländerproblem nicht lösen“, wundert sich Enzenhofer über Mayrs „billige Lösung“. Schulsprengel in Linz zählen nicht mehr. Ab sofort kann jedes Kind die Pflichtschule seiner Wahl besuchen. Es sei ein riskantes Vorhaben, auf jegliche Steuerung im Bildungsbereich zu verzichten, meint der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer. (Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe 6.7.2006)

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