Jeder mit jedem in jedem Medium

5. Juli 2006, 21:31
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Das Wiener Filmcasino und das Top-Kino widmen sich der Begleitung der Kunsthallen-Ausstellung "Summer of Love"

Zu sehen sind einige der wildesten Schau- und Show-Experimente des Kinos der 60er-Jahre


Hinter einer grünen Tür lag eines der großen Geheimnisse der 60er-Jahre: Pornografie war damals noch verbotenes Kino. Es war hoch an der Zeit, zur Unterstützung der freien Liebe und zur Beschämung des Bürgertums, dass diese Tür geöffnet wurde. Behind the Green Door war 1972 der Titel eines Films von Artie und Jim Mitchell, mit einer gewissen Marilyn Chambers in der Hauptrolle. Sie spielt ein Mädchen, das gekidnappt wird und in einem Theater als Lustobjekt präsentiert wird. Der Höhepunkt ist ausgesprochen psychedelisch – in gefärbten Negativ- und extremen Großaufnahmen wird das Geschlecht der Frau entblößt und entrückt.

In der Reihe Summer of Love, mit der das Filmcasino die gleichnamige Ausstellung der Kunsthalle Wien begleitet, ist Behind the Green Door der exponierteste Film. In dem Theorieklassiker Hardcore von Linda Williams fungiert er jedoch mindestens so zentral wie Deep Throat, der berühmteste Porno für die gebildeten Stände. Die Mitchell Brothers gelten als Auteurs in ihrem Metier, doch bei allem künstlerischen Ehrgeiz, den sie an den Tag legten, ist doch unübersehbar, dass der Sommer der Liebe zwischen 1967 und 1972 seine Leichtigkeit vollkommen verloren hatte.

Die Filmreihe setzt einen deutlichen Schwerpunkt auf die so genannte Bewusstseinserweiterung. Roger Corman ließ es sich 1967 nicht nehmen, eine Drogenerfahrung einmal von innen zu zeigen: In The Trip taucht Peter Fonda in eine Wirklichkeit ein, die er mit niemandem teilt, außer mit dem Publikum, das sich entweder selbst die Pille erspart oder die Wahrnehmung des Films mit entsprechenden Mitteln verstärkt hatte.

Mit den Drogen hing eine ganze Gegenkultur zusammen, die ihre eigene Literatur und Musik produzierte. Chappaqua (1966) von Conrads Rooks ist das Gesamtkunstwerk dieser Bewegung, ein synästhetischer Exzess, in dem William S. Burroughs und Allen Ginsberg auftreten sowie Ravi Shankar.

Wie sehr die Ausdrucksformen des "Summer of Love" vom Surrealismus geprägt wurden, wird in der Filmreihe deutlicher als in der Künstlerliste der Ausstellung. Kenneth Angers Inauguration of the Pleasuredome und Alejandro Jodorowskys El Topo sind Liturgien des entfesselten Unbewussten. Vor allem der Mexikaner Jodorowsky sprengte mit seinem Para-Western alle Beschränkungen von Genre und Konvention. Tiere und Menschen stehen hier auf gleicher Ebene, das Bewusstsein macht keinen Unterschied außer den einer größeren Täuschbarkeit. Die implizite Kulturkritik in El Topo ist dabei so gründlich gegen das Normale und Alltägliche gerichtet, dass es sich in dieser Welt auch imaginär kaum lange aushalten lässt.

Der "Summer of Love" war eine Angelegenheit der Kinder der westlichen Welt. Die prinzipielle Promiskuität dieser Jahre griff auch auf die Kunstformen über: Jeder mit jedem in jedem Medium war damals die Devise.

In dem SF-Comic Barbarella von Roger Vadim trat Jane Fonda neben Anita Pallenberg auf, in Performance von Nicolas Roeg und Donald Cammell bestimmt Mick Jagger nach Kräften, wohin die Delirien gehen, in Girl on a Motorcycle, einem selten zu sehenden Exploitationfilm von Jack Cardiff, macht sich Marianne Faithfull auf die Reise zu ihrem früheren Geliebten, gespielt von Alain Delon.

Heute hegen wir schon wieder unsere Zweifel, ob all diese Filme für unser kleines Hirn nicht ein wenig zu groß sein wollten. Ein Trip sind sie jedoch allemal. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2006)

  • Völlig drüber: "Candy" (1968) von Christian Marquand - mit Richard Burton 
(Mi., als "MacPhisto") und Ewa Aulin (re.).
    foto: filmcasino

    Völlig drüber: "Candy" (1968) von Christian Marquand - mit Richard Burton (Mi., als "MacPhisto") und Ewa Aulin (re.).

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