Die Coolen und die Auffrisierten

5. Juli 2006, 18:49
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Es keucht der Wrestler, es fliegt der Stählerne. Coole Cops, fantastische Piraten und sprechende Autos haben Hochsaison

Ein Rundblick über das abwechslungsreiche Angebot an potenziellen US-Sommerhits.


Um aus einem Mann einen Supermann zu machen, braucht es in erster Linie eine gute Uniform. Das weiß auch Ignacio alias "Nacho", ein rechtschaffener Mexikaner, der sich als Retter und Beschützer der Nonnen einen Namen machen möchte.

Weil das Kloster, in dem er erzogen wurde, in seiner Existenz bedroht ist, entschließt Ignacio sich zu einer Karriere in einer Sportart, die zwar von Supermännern betrieben wird, aber noch nicht die entsprechende Reputation hat: Wrestling. Der amerikanische Komiker Jack Black bringt für diese Disziplin den passenden Körperbau mit. Er spielt den Helden Nacho Libre in dem gleichnamigen Film, einem der absehbaren Höhepunkte dieses (US-)Kinosommers.

Eine ganze Reihe interessanter Talente findet hier zusammen – neben Jack Black, bekannt aus School of Rock, vor allem Jared Hess, ein eigenwilliger junger Regisseur, der mit der College-Komödie Napoleon Dynamite einen heimlichen Hit gelandet hat. Hess hat einen untrüglichen Sinn für schräge Außenseiter, vergleichbar den Brüdern Farrelly (Dumm und dümmer).

Komödien werden zwar neben den Blockbustern häufig übersehen. Sie sind aber auch kommerziell von Bedeutung, weil sie bei geringeren Kosten im Idealfall großen Profit einbringen. Inwiefern es Nacho Libre gelingt, aus dem Nischenmarkt, auf den er zielt, auszubrechen, wird eine der Fragen dieses Sommers.

Mit größerer Spannung wartet die US-Filmindustrie allerdings auf zwei Remakes: Superman Returns bringt ein Comeback des eingängigsten Superhelden nach zwanzig Jahren ohne Heldentat. Und Michael Mann gibt seiner legendären TV-Serie Miami Vice neuen Schliff.

Sonny Crockett (Colin Farrell) und Ricardo Tubbs (Jamie Foxx) tragen ihre Lederjacken und Sommeranzüge ohnehin so wie Superhelden ihre Uniformen: als eine zweite Haut, mit der sich die Unsterblichen von den Normalsterblichen unterscheiden. Crockett und Tubbs ermitteln in der Kinoversion von Miami Vice einmal mehr gegen Drogendealer. Bei ihrer Undercover-Mission verschwimmt aber manchmal die Grenze zwischen Albtraum und Wirklichkeit.

Michael Mann hat sich in den letzten Jahren zu einem der interessantesten Künstler in Hollywood entwickelt. Sein grandioses Los-Angeles-Panorama Collateral gab all jenen Unwägbarkeiten des modernen Lebens Raum, die in dem Oscar-Abräumer L. A. Crash allzu stark mit einer heimlichen Metaphysik verbunden wurden. Mit Miami Vice kehrt Mann zu den Ursprüngen seiner Weltsicht zurück: die Sonne von Florida, das Zwielicht der Moral, die Farben des Geldes, das Leben als Trip.

Brandon Routh, der neue Darsteller von Superman, muss sich dagegen zuerst mit der linkischen Natur von Clark Kent zurechtfinden. Kevin Spacey hat in der Rolle des Lex Luthor nebenbei auch Gelegenheit, sein Haarproblem zu lösen: Er tritt mit Vollglatze und Charakterkopf auf.

Dass die Piraten der Karibik bald zurückkehren würden, war nach dem sagenhaften Erfolg dieses modernen Swashbucklers klar. Einmal mehr lichten sich die Nebel über dem Bermuda-Dreieck zu einem Abenteuer, in dem sich traditionelle Romantik und neueste Spezialeffekte verbinden. Die alte Crew von Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) abwärts ist wieder an Bord, ein dritter Teil wurde praktischerweise gleich parallel mitgedreht und ist für den kommenden Sommer angekündigt.

Wenn dieser Kinosommer also wie ein Reigen vertrauter Gestalten erscheinen mag, gibt es doch auch Innovationen zu erwarten: Das Pixar- Studio legt mit Cars einen neuen abendfüllenden Animationsfilm vor. Die Autos, von denen im Titel die Rede ist, sind hier tatsächlich die Helden. Sie haben Gesichter wie Menschen, sie reden, wie ihnen die Kühlerhaube gewachsen ist, und sie fühlen nicht viel anders als das Publikum. Mit diesem Coup, der Menschen liebstes Besitztum mit menschlichen Zügen auszustatten, geht John Lasseter, der kreative Kopf von Pixar, einen Schritt weiter als mit der Beseelung der Tierwelt, die bisher das Kino aus dem Computer beschäftigt hatte.

In Cars erscheint noch die schnittigste Karosserie wie eine Uniform, in der ein schüchterner Held gut leben kann. Der Weg zur nächsten Tankstelle ist immer der weiteste, und nur ein Supermann kann richtig fliegen. Der Rest muss sich auffrisieren. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2006)

  • Hochkomische Einübungen in die Kunst des harten Aufpralls: Jack Black würgt und wrestelt sich durch "Nacho Libre"
    foto: paramount

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  • "Superman Returns": Brandon Routh als Nachfolger von Christopher Reeve im jüngsten Comic-Epos von Bryan Singer ("X-Men")
    foto: warner

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