Italien: Untypisch angriffslustige Azzurri

5. Juli 2006, 15:40
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Mit Offensive statt Catenaccio zum 2:0-Triumph - Deutschland sagte 52 Jahre nach "Wunder von Bern" WM ade

Dortmund - Am 4. Juli 1954 hat die Truppe von Sepp Herberger das "Wunder von Bern" geschafft, durch das 3:2 im Finale gegen Ungarn den ersten WM-Titel für Deutschland geholt. Ausgerechnet am Tag genau 52 Jahre nach dieser Premiere blieb ein weiteres deutsches Fußball-Wunder aus. Der WM-Gastgeber musste sich in Dortmund im Duell der Dreifach-Weltmeister nach Verlängerung Italien 0:2 geschlagen geben und dem 18. FIFA-Turnier in der Vorschlussrunde Ade sagen.

Selbst der große Pele bezeichnete in seiner ZDF-Analyse die abgebrühte Squadra Azzurra als verdienten und würdigen Aufsteiger. WM-Macher Franz "Kaiser" Beckenbauer sah es ähnlich: "Es war ein großartiges Spiel. Es ging rauf und runter. Am Ende waren die Italiener glücklicher und cleverer." Die Südeuropaer, die sich von dem Manipulationsskandal in der Heimat nichts anermerken ließen, schafften ihre insgesamt sechste Endspiel-Teilnahme auf für sie ganz untypische Art und Weise.

Offensive statt Catenaccio

Offensive statt Catenaccio lautete ihre Devise, mit der sie die Hausherren in dem Klassiker sichtlich überraschten und ihnen in ihrem 15. Länderspiel im Westfalen-Stadion dank später Tore von Grosso und Del Piero die erste Niederlage zufügten. "Wir haben verdient gewonnen, weil wir das Spiel kontrolliert haben", befand Italiens Teamchef Marcello Lippi in seiner Analyse. Und er selbst war es, der mit seiner Taktik und seinen Einwechslungen das Zeichen zum Sturmangriff gesetzt hatte. Der Auftrag wurde perfekt ausgeführt.

Der Mut zum Risiko wurde letztlich belohnt. Ausschlaggebend für die Überlegenheit war das Mittelfeld. Anders als in den Gruppen-Partien und gegen Schweden im Achtelfinale gelang es den Deutschen nicht, die ballsicheren Azzurri unter Druck zu setzen oder zu Fehlpässen zu zwingen. Trotz seiner riesigen Enttäuschung fand Jürgen Klinsmann für den Gegner lobende Worte. "Ich mache den Italienern ein Kompliment: Wir drücken ihnen am Sanntag die Daumen", sagte der deutsche Teamchef.

Ballack im Schatten

Während der verletzte Alessandro Nesta in der erst ein Tor zulassenden Italien-Abwehr (Eigentor durch Cristian Zaccardo beim 1:1 gegen USA) überhaupt nicht abging, machte sich auf deutscher Seite das Fehlen des zweikampfstarken Abräumers Torsten Frings wegen seiner Sperre doch deutlich bemerkbar. Auch Michael Ballack wurden an diesem Abend die Grenzen aufgezeigt, der Kapitän fand in Andrea Pirlo und Francesco Totti seine Meister. In punkto Zweikampfstärke und Dynamik stellte das Techniker-Duo Ballack, der im Team zu fünften Mal ohne Tor blieb, in den Schatten.

In dieser Verfassung dürfte der Ex-Bayer auch in den Chelsea-Reihen und der starken Premier League jedenfalls einen schweren Stand haben. Zurück zum Italien-Spiel, in dem die Gastgeber ihr wenigen Möglichkeiten nicht verwertet hatten. Philipp Lahm versuchte allen Mut zu machen, in dem er sagte: "Wir waren auf einer Augenhöhe mit den Italienern." Joachim Löw, Assitanz-Trainer mit Austria-Vergangenheit, fügte hinzu, dass die deutsche Elf mit erhobenen Hauptes vom Platz gehen könne.

"Es war ein unglaublicher Kampf, beide Teams waren fast stehend k.o. Aber man muss das Positive sehen. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, diesmal hatten wir nicht das Quäntchen Glück, das man braucht um Weltmeister zu werden", sagte Löw. Klinsmann versuchte sich vor dem kleinen Finale am Samstag in Stuttgart als Seelentröster: "Die Mannschaft hat ein fantastischen Turnier gespielt und ist in jedem Spiel an ihre Grenzen gegangen. Sie hat ein ganzes Land stolz gemacht."

Auch über den WM-Ausklang hinaus sieht der Wahl-Kalifornier, der sich über seine Zukunft als DFB-Teamchef vorerst nicht entscheiden möchte, durchaus Positives. "Es wachsen Spieler heran, die ein unglaubliches Potenzial haben. Der Entwicklungsprozess geht weiter. Es darf uns nicht bange sein, wir können optimistisch in die Zukunft blicken", resümierte der 41-Jährige. Fakt ist aber, die Deutschen sind seit Oktober 2000 gegen eine große Fußball-Nation ohne "echten" Sieg und gegen die Italiener seit Juni 1995 sieglos!(APA)

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    Totale Erleichterung bei del Piero.

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