Kurzfristiger Gnadenerlass:

13. Juni 2000, 11:48

"Bitte liebt Österreich": Am ersten Abend wurde 'nur' einer abgeschoben

Wien - Ein signifikanter Stimmenabstand liess sich am Ende des ersten Abends zwischen dem Zweit- und dem Drittplatzierten nicht ausmachen. Deshalb entschloss sich Christoph Schlingensief, vom vorgesehenen Ablauf bei seinem Projekt abzuweichen und am ersten Abend nur einen der AsylantInnen aus dem Container abzuschieben.

Kurz nach 21.30 Uhr war es soweit: Der Name wurde verkündet, Paulus Manker als prominenter Betreuer des Tages verlas die Biografie, dann gab es ein Abschiedslied, gesungen von der nach dem Telefon-Voting auserwählten Person. Dann kamen die Security-Männer, und ab ging es zu einer auf der Ringstraße wartenden Limousine. Auf Wieder- oder Nimmerwiedersehen und wohin auch immer.

U-Boot der anderen Art

Wen traf es? Jahanshar, 31, aus dem Iran. Ausbildung als Schauspieler, erste Theaterprojekte. Im Jahre 1996 ein Prozess wegen "unreligiösen Verhaltens", also ein ernstes Delikt in einem Land mit rigider Staatsreligion. 1997 gelang die Flucht nach Österreich. Als persönliches Lebensziel wird angegeben, einmal "eine Rolle in einem Hollywood-Film zu erhalten". Das Schicksal der Ausweisung soll er so kommentiert haben: "Eine weitere Etappe auf dem nomadenhaften Weg durch mein Leben."

Nie gehört? Kein Wunder, hier beginnt es kurios zu werden. Er war einer derjenigen, die in letzter Minute eingesprungen sind. Wie auch immer gearteter Betriebsunfall: Name, Schicksal und zugeordnete TED-Nummer waren vielleicht beim Einzug mündlich mitgeteilt worden, sonst aber mangels Datenweiterleitung nirgendwo korrekt wiedergegeben.

Schlamperei, Zufall, wohlkalkulierte Absicht - wer weiß. Jedenfalls - auch im Rahmen dieser Aktion - mit einer gewissen bitter-ironischen bis zynischen Note behaftet: Die Telefonierer votierten für/gegen eine TED-Nummer, die mit einer anderen Person verknüpft war. Kurzum: Einer wurde hinausgewählt, weil man ihn für einen anderen hielt.

Der Zeitplan für Dienstag

Für 9.00 Uhr ist Frühstück vorgesehen.

10.00 Uhr wird es Morgensport geben.

Zwischen 11.00 und 12.00 Uhr wird Deutschunterricht auf dem Dach des Containers, somit für die Öffentlichkeit sichtbar, auf dem Programm stehen.

Um 12.00 Uhr wird der prominente Betreuer des Tages eintreffen. Es handelt sich dabei um den deutschen Schauspieler Sepp Bierbichler, bekannt unter anderem aus Filmen von Rainer Werner Fassbinder.

Zwischen 15.00 und 16.00 Uhr wird - als Novum - eine Telefonleitung in den Container freigeschalten; so wie es aussieht, eine Initiative eines Handy-Betreibers.

Schließlich erfolgt wieder abends ab 20.30 Uhr die Ausweisung, wobei abzuwarten sein wird, ob es zwei oder drei Personen treffen wird.

AUSLÄNDER RAUS

(red)

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