Interview: Marcello Lippi muss "das Werk nur noch vollenden"

5. Juli 2006, 13:29
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Italienischer Teamchef zog gegen Deutsche "Pfeile aus Köcher"; über seine Zukunft schweigt der 58-Jährige

Dortmund - Italien steht zum sechsten Mal nach 1934, 1938, 1982 (jeweils Weltmeister), 1970 und 1994 (jeweils "Vize") im Fußball-WM-Endspiel. Die große Chance zum vierten Titelstreich eröffnete Teamchef Marcello Lippi, der nach dem in der Verlängerung fixierten 2:0-Sieg am Dienstag in Dortmund gegen Gastgeber Deutschland im Interview Rede und Antwort stand. Der 58-Jährige sprach über sein Erfolgsrezept, das Finale, nicht aber über seine persönliche Zukunft.

Was werden Sie Ihren Enkelkindern in 30 Jahren über dieses Spiel erzählen? LIPPI: "Hoffentlich bin ich dann noch am Leben. Im Moment denke ich nur eins: es wäre ungerecht gewesen, wenn wir nicht gewonnen oder ins Elfmeterschießen gemusst hätten. Dieses Elfmeterschießen wollten wir unbedingt vermeiden, das ist nämlich immer eine Lotterie. Wir haben besser gespielt als die Deutschen und den Sieg verdient. Das kann niemand bezweifeln - auch die Deutschen können das nicht."

Nach dem Fußball-Skandal in Italien scheint der WM-Finaleinzug wie eine Neugeburt des italienischen Fußballs zu sein. Macht Sie dies besonders stolz?

LIPPI: "Wir haben ein fantastische Mannschaft, die wirklich stolz auf sich sein kann. Wir haben einer Nation den Enthusiasmus zurückgegeben. Eine ganze Nation träumt mit uns. Jetzt müssen wir das Werk nur noch vollenden."

Sie haben am Ende des Spiels auf Offensive gesetzt. Warum waren Sie sich ihrer Sache so sicher?

LIPPI: "Mir war klar, jetzt kommt die entscheidende Phase der Partie, es muss etwas geschehen. Wir hatten für solche Fälle noch Pfeile im Köcher, die haben wir gezogen. Das brachte mehr Qualität ins Spiel. Als ich Del Piero einwechselte, habe ich den Spielern gesagt: Der schießt das Siegtor. Dann hat aber zuvor noch ein anderer getroffen."

Das war Fabio Grosso. Was sagen Sie zu seiner Leistung?

LIPPI: "Er hat ein tolles Spiel gemacht - genau wie die anderen. Unser Ziel war es, im Mittelfeld ein Übergewicht zu haben mit ständigem Ballbesitz. Das hat für Sicherheit gesorgt. So habe ich mir das aus technisch-taktischer Sicht vor der Partie vorgestellt und meinen Spielern gesagt, es wird funktionieren."

Viele hatten dem Team vor der WM eine solche Leistung nicht zugetraut. Wie kam es zu dieser Steigerung?

LIPPI: "Der italienische Fußball ist toller Fußball. Meine Mannschaft hat gegen 60.000 begeisterte Zuschauer großen Charakter bewiesen. Die ganze Welt wollte so ein Spiel sehen. Ich glaube, wir hätten auch das Elfmeterschießen gewonnen."

Bleiben Sie dieser Mannschaft als Teamchef erhalten?

LIPPI: "Ich werde bis zum Ende der WM nichts dazu sagen, nicht mal einen halben Satz."

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