Interview: Jürgen Klinsmann will die WM "mit Anstand zu Ende bringen"

5. Juli 2006, 12:32
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Schwabe: "Es tut weh, wenn man kurz vor Schluss K.O.-Stoß bekommt

Berlin/Dortmund - Der achte Einzug in ein Fußball-WM-Endspiel blieb Deutschland verwehrt. Der Traum ist durch das 0:2 am Dienstag in Dortmund gegen "Angstgegner" Italien innerhalb weniger Sekunden am Ende der Verlängerung zerplatzt. Welche Gefühle das brutale WM-K.O. im DFB-Lager ausgelöst hat, was sich das DFB-Team für das kleine Finale vorgenommen hat, welche Perspektiven sich nach dem Turnier ergeben und wie der Teamchef seine Zukunft sieht, drüber sprach Jürgen Klinsmann im Frage- und-Antwort-Spiel.

Wie geht es Ihnen und der Mannschaft nach dem brutalen WM-K.o.?

KLINSMANN: "Jeder ist am Boden zerstört, das ist ganz normal. Wir hatten alle einen Traum, und dieser Traum ist uns jetzt genommen. Es wird einige Zeit dauern, das zu verarbeiten. Wir haben ein fantastisches Turnier gespielt, alle können stolz sein. Die Mannschaft kann stolz sein, das ganze Land kann stolz sein."

Die Auftritte ihres Teams haben eine Begeisterung ausgelöst, die wohl nur mit der beim ersten WM-Titel 1954 zu vergleichen ist. Was empfinden Sie dabei?

KLINSMANN: "Es ist fantastisch. Es ist eine wunderschöne Sache, dass der Fußball so etwas bewegen kann. Der Fußball kann Emotionen wecken. Wir hatten zwei große Ziele. Sportlich wollten wir ins Endspiel kommen, das haben wir nicht ganz geschafft. Und zweitens wollten wir der Welt zeigen, welch tolles Land wir sind. Und das haben alle Deutschen der Welt gezeigt."

Ihr mutiges Ziel war der Titel, das haben Sie verpasst. Empfinden Sie dennoch Zufriedenheit?

KLINSMANN: "Im Sport stellt man sich immer wieder das nächste Ziel. Wenn man ein Halbfinale verliert, ist die Enttäuschung erst einmal groß. Die Spieler und wir Trainer brauchen ein wenig Zeit. Dann geht es weiter. Am Samstag wollen wir wieder eine ordentliche Partie machen, wieder Tempo machen und das Publikum mitziehen. Die Bilanz wird dann in aller Ruhe in der nächsten Woche erfolgen."

Können Sie überhaupt schon an dieses Spiel um Platz drei am Samstag in Stutgartt denken?

KLINSMANNN: "Die Enttäuschung ist natürlich sehr, sehr groß. Es tut weh, wenn man kurz vor dem Schluss so einen K.o.-Stoß bekommt. Gleich in der Kabine aber habe ich der Mannschaft gesagt, sie kann riesig stolz auf sich sein, sie hat Riesiges geleistet in den WM-Wochen. Man muss nun die Burschen wieder aufrichten. Sie sind immer an ihre Grenzen gegangen - auch heute. Und die Mannschaft hat Charakter. Wir werden das mit Anstand zu Ende bringen."

Welche Entwicklung sagen Sie dieser jungen Mannschaft voraus?

KLINSMANN: "Das ist einer der wichtigsten Punkte überhaupt, dass Spieler heranwachsen, die ungeheures Potenzial haben, um im Weltfußball auf sich aufmerksam zu machen. Das schönste Kompliment ist, dass wieder große ausländische Klubs Interesse haben an unseren Spielern. Es stimmt einfach zuversichtlich zu sehen, in welch kurzer Zeit sie welche Schritte gemacht haben. Da muss uns nicht bange sein in Deutschland. Der Entwicklungsprozess hat ja erst angefangen, er geht ja noch viel weiter. "

Werden Sie weiter diesen Prozess als DFB-Bundestrainer leiten?

KLINSMANN: "Es ist absolut unwichtig, was mit meiner Person passiert. Ich werde die WM erst einmal ein paar Tage sacken lassen, alles mit meiner Familie besprechen. Es ist viel passiert in den letzten zwei Jahren, da muss man erst einmal durchschnaufen. Ich habe zwei Jahre lang die volle Energie reingelegt und an nichts anderes gedacht als den Finaleinzug."

Selbst WM-Chef Franz Beckenbauer möchte jetzt, dass Sie weitermachen. Wie sehen Sie die Situation?

KLINSMANN: "Diese WM war ein großer Erfolg für die Mannschaft und ganz Deutschland. Wir haben der Welt ein anderes Gesicht von Deutschland gezeigt. Da spielt meine Person überhaupt keine Rolle. Es ist wichtig, dass die Mannschaft etwas Fantastisches gezeigt hat, dass ihr das allergrößte Kompliment gebührt. Dass sie mit Tempofußball und totaler Leidenschaft überzeugt hat. Dass sie gezeigt hat, sie kann mit den Besten der Welt mithalten. Deshalb reden wir von der Mannschaft und nicht von meiner Person."

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